
Eine ungewöhnliche Reise in die Welt der Literatur
Ratten sind gierig. Sie fressen, was immer sie finden können. Zu Ende des 19. Jahrhunderts waren Ratten deshalb besonders verachtet. In dieser Zeit finden sich erste Belege für die Verwendung des Begriffes „Leseratte“. Ein Vielleser wäre etwas Positives, aber in der „-ratte“ klingt Kritik mit: Sie lesen wahllos, was immer sie bekommen können.
Sam Savage nimmt in seinem Roman „Firmin – Ein Rattenleben“ die Leseratte wörtlich und erzählt die Geschichte der Ratte Firmin, die im Keller einer Buchhandlung geboren wird und von dort aus die Welt der Literatur entdeckt. Anfangs wahllos Bücher durchknabbernd, bemerkt Firmin bald, dass auf dem Papier, das er frisst, Worte stehen, die sein Leben bestimmen werden. Irgendwann nagt er nur noch an unbedruckten Rändern. Dabei liest Firmin Tolstoi, Nabukov, das Tagebuch der Anne Frank, Spinoza und noch viele andere.
Protagonist Firmin bleibt Zeit seines Lebens Außenseiter, seine Gattung selbst missfällt ihm: „Der Rest meiner Familie war in gewisser Weise begnadet. Dank ihrer mangelnden Fantasie und ihres kurzen Gedächtnisses stellten sie keine höheren Ansprüche, dachten nur ans Fressen und Rammeln, und davon bekamen sie so viel, dass es für ein Leben reichte, so kurz es auch sein mochte. Doch so ein Leben war nichts für mich. Ich Idiot hatte höhere Ziele.“ Er wendet sich den Menschen zu, aber erreicht sie nicht und bleibt „nur“ Leseratte – lesen kann er, nicht sprechen, nicht schreiben, sich somit nicht ausdrücken. In Gedanken schreibt Firmin Geschichten, findet Überschriften, die sein Leben gliedern könnten, aber er kann sie nicht kommunizieren. Seine „erste große Liebe“, der Buchhändler, in dessen Keller Firmin geboren wurde, versucht ihn zu vergiften. Firmin findet Unterschlupf bei einem erfolglosen Schriftsteller, und während ihre Umgebung, der Scollay Square in Boston, als Schandfleck der Stadt stückweise abgerissen wird, leben die beiden fast etwas wie Freundschaft. Trotzdem fühlt die Ratte Zweifel: „Und tief in meinem Herzen wusste ich stets, dass er bei unseren gemeinsamen Abenden, wenn er trank und erzählte, in Wirklichkeit Selbstgespräche führte.“
Firmins Gelüste nach Menschenfrauen wirken befremdlich wie die Vorstellung, eine Ratte läge auf dem Gesicht der Dame: „Kleine Schweißperlen glitzerten auf ihrer Oberlippe, und ich trank sie, eine nach der anderen. Sie waren salzig. Aus meiner Lektüre wusste ich, dass Tränen genau so schmeckten.“ Dennoch schafft es Sam Savage, seinen Roman vor dem Abgleiten ins Absurde zu bewahren. Dafür stehen Firmins Alltagsprobleme, die sein Rattesein glaubhaft machen – wenn er durch Rohrsysteme klettert, Menschen entflieht, die den Schädling Ratte beseitigen wollen oder immer wieder wieder an der Kommunikation scheitert: „Das Problem war physiologisch bedingt: Mir fehlten richtige Stimmbänder. [...] Ich habe es nicht weiter gebracht als bis zu ein paar kaum unterscheidbaren Variationen des Grundfiepens. Da steht Hamlet mit gezücktem Degen und ruft: Fiep, Fiep, Fiep.“
Eine herzlich warme Geschichte, eine ungewöhnliche Perspektive und gleichsam eine Liebeserklärung an die Literatur. Eine Ratte zwischen Traum und Depression, absolut lesenswert!
Rezension
Wiebke Zollmann
(4.2.2009)

