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Kurt Wünsch: Ich bin doch nicht verrückt, Frau Doktor

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Ich bin doch nicht verrückt, Frau Doktor
Satirischer Roman
von Kurt Wünsch
Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale), 2009
192 Seiten
ISBN: 978-3-89812-606-9
9,90 €

„Normal ist, wenn man normal ist.“


Es gibt Dinge, über die hätte sich Martin Held unter anderen Umständen wohl keine Gedanken gemacht. Beispielsweise wie man „normal“ definiert.


Doch es kommt anders. Held, der Protagonist im satirischen Roman „Ich bin doch nicht verrückt, Frau Doktor“ des hallischen Schriftstellers Kurt Wünsch, fällt auf eine Erpresserin herein, wird wegen Mißbrauchs angeklagt und findet sich in Untersuchungshaft wieder. Konfrontiert mit einer psychologischen Gutachterin, die all ihre Abneigung gegen Erziehung und Leben in der DDR auf Held projiziert, versucht er, sie von seiner Normalität zu überzeugen: „Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, und ich bitte Sie das zu beachten, ich bin nicht verrückt, Frau Doktor, und gedenke das auch nicht zu werden.“ Das sieht sie anders und interpretiert selbst die unschuldigsten Kindheitserinnerungen als Ausweise einer postsozialistischen Persönlichkeitsstörung: „,Eisenbahnen und, wie er ihn nannte, den guten alten Mond. Beweist das nicht überdeutlich seinen freiheitlich unbewussten inneren Drang, wegzukommen? Einfach weg? Eisenbahnen sind dazu das Mittel und der Mond das Ziel. Ich erwähne hier nur am Rande, dass Herr Helds Lieblingsmärchen, der kleine Häwelmann war und dass er seine Diplomarbeit über Triebwagen schreiben wollte. W. O. Sharton spricht in diesem Zusammenhang von einer moon longing, die in allen ehemaligen sozialistischen Ländern weit verbreitet ist.'“

Nichts im Leben des Protagonisten funktioniert wirklich, überall findet sich ein Widerstand, der alle Bemühungen zunichte macht:

Seine Freunde bringen nur drei Viertel der Kaution zusammen, damit erhält er nur sechszehn Stunden täglich Freigang statt der ersehnten Freiheit.

Die Aufgaben der Gutachterin versucht er immer so zu lösen, dass sie gänzlich normal, bloß nicht anstößig interpretiert werden können – und sie findet in jeder seiner Aktion Indizien einer Täterschaft.

Auch sein Anwalt gibt sich zwar optimistisch, scheitert aber letztlich an der DDR-Vergangenheit und dem Vorwurf, mit der Stasi zusammengearbeitet zu haben.

Schließlich glaubt auch das Gericht dem Protagonisten Martin Held nicht und verurteilt ihn zum Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik. Dort trifft er seine ehemaligen Mithäftlinge wieder, die im Gegensatz zu ihm von Anfang an das Ziel verfolgt hatten, für verrückt erklärt zu werden.

Sie kommen in eine Villa im Schwarzwald zur Therapie: Die Absurditäten des dortigen Alltags beschreibt der Ich-Erzähler mit angenehmer Distanziertheit, so dass die Wertung dem Leser überlassen bleibt: „,Wie kommt ein Tier aus dem Käfig heraus, Herr Schmidt, es gibt nur eine Möglichkeit?' Schmidt, ein baumlanger Mann mittleren Alters, saß neben mir und sprang sofort auf. Dann grunzte er wie ein Schwein, hob beide Hände, schlug damit klatschend auf seine Oberschenkel und antwortete mit stolz geschwellter Brust: ,Einer muss dem Vieh die Stalltür aufmachen.' ,Richtig!' Luck freute sich. ,So öffnen auch Sie jetzt die Türen zu Ihren Seelen, meine Damen und Herren!'“

Während der Protagonist brav am Therapieleben teilnimmt, stellt sich andernorts seine Unschuld dann doch heraus, denn die Frau, die Held vergewaltigt haben soll, wird bei einem Betrugsversuch nach gleichem Muster verhaftet.

Für Held stellt sich heraus, dass das psychologische Gutachten die Hauptschuld an seiner Verurteilung getragen hat, und der Klinikchef der Psychiatrie meint über die Gutachterin: „,Sie hatte es wohl, wie viele andere auch besonders eilig, alles aus dem Westen zu übernehmen und hat sich', Piepenbrink lachte wieder, ,dabei ein bisschen übernommen.“ Ihre Methoden seien inzwischen völlig überholt. Da beschließt Held Rache: Er will sie vergewaltigen, sucht sie auf, doch der Racheakt gelingt nicht. „Frau Doktor verstand wohl doch etwas von ihrer Wissenschaft. Ich richtete mich auf und verließ ohne ein weiteres Wort ihre Wohnung.“


Im Gegensatz zu den Schilderungen von Hintergründen und Freundschaften „draußen“, die sprachlich und inhaltlich eher vor sich hin dümpeln, sind die Textstellen, in denen sich die Hauptfigur mit seinen Mithäftlingen oder Frau Doktor unterhält, höchst amüsant gestaltet.

Wenn beispielsweise die psychologische Gutachterin erklärt, die „,Zeit in der DDR-Kinderkrippe hat Ihre frühkindliche Entwicklung nachhaltig negativ geprägt, Herr Held'“, dieser nur verwirrt reagiert und die Gutachterin ihrerseits über ein Kollektivsyndrom und Unterdrückung individueller Kreativität schimpft – dass Kinder für ihren ersten Stuhlgang gelobt würden, das Ergebnis aber nicht anfassen sollten. „Dann wird wohl einer, der als Kind nicht in die Scheiße fassen durfte, zwangsläufig zu Messer oder Pistole greifen, dachte ich. 'Bei Ihnen, Herr Held, wird diese Entwicklung möglicherweise ganz analog verlaufen sein' ,Da irren Frau Doktor. Ich verlief durchgängig digital. Vom Tag meiner Geburt an. Immer digital.'

Herrlich überspitzt dargestellt ist auch Helds Mitgefangener, der einen Fleischer, dessen Frau er zu nahe gekommen war, mit einer Kaffeemaschine anging – „,Der Kaffeeautomat wollte es!' Ich zwang mich zur Gelassenheit und sagte lächelnd: ,Der Kaffeeautomat also wollte den Fleischer entschärfen. Leuchtet mir irgendwie ein. Flüsterte er dir's ins Ohr oder erschien ein Text auf dem Display?'“

So absurd die Handlung des Romans ist, so absurd auch das Ende: Held gründet, nachdem alle Unternehmen vor seiner Haft missglückt waren, mit Freunden eine Bettentauschzentrale, Neuanfänge bräuchten neue Betten.


„Ich bin doch nicht verrückt, Frau Doktor“ ist leichte Lektüre, die 192 Seiten sind flott ausgelesen, Helds Geschichte humorvoll beschrieben und, abgesehen von zeitweise trockenen Passagen des Lebens „draußen“, unterhaltsamer Lesestoff. Martin Held ist letztlich wirklich nicht verrückt, Frau Doktor.