
Klischee getroffen, Klischee versenkt – die Geschichte eines Bulimikers
„Er wollte bloß fressen, endlich fressen ohne alle Folgen und was Frau Doktor dazu gelesen hatte, interessierte ihn nur solange, wie er dafür seinen Krankenschein bekam.“
Der Zivildienstleistende Kilian ist Bulimiker und verbringt seine Tage mit Essanfällen, Brechen und Krankenscheinen bis er eines Tages aus dem künstlichen Koma im Krankenhaus erwacht.
Christoph Steier erzählt in seinem Debutroman „Tauchertage“ die Geschichte eines Außenseiters, der mit seinen „Tauchgängen“, den Brechanfällen, versucht, die Kontrolle in sein Leben zu bringen, die er zwischen Verachtung und Sehnsucht längst verloren hat. Aber nichts wird besser.
Er findet sich in einer Klinik wieder, die allen Klischees entspricht: Ein „Namensschild, das mit Schmetterlingsaufklebern aus einer Dekozeitschrift verziert war. Schmetterlinge waren überhaupt ein großes Thema auf der Station, wahrscheinlich wegen Entpuppen und so.“ Kilian hat die gleichen Vorurteile gegen Therapien nach Schema F wie wohl die Mehrheit der Bevölkerung – und wird bestätigt. Um das Geschehen irgendwie zu beherrschen, versteckt er sich hinter Zynismus und Verachtung. Sein Kommentar zu den Magersüchtigen auf der Station: „Hochmütig staksende Skelette, die in punkto Sichtbarkeit mit den echten Kranken konkurrierten. Wäre er hier mit einem gebrochenen Bein oder peinlich platzierten Tumor, hätte Kilian ihnen ins Gesicht schlagen mögen. Sollten sie halt was essen, die eitlen Dinger.“
Zudem misstraut er seiner Therapeutin: „,Ich lebe auf einer Rolltreppe.' ;Rauf oder runter?' Die Stimme der Therapeutin klang um einiges wärmer. Braves Hündchen. ,Egal.' Kilian war gereizt. Operierten die wirklich nur mit dieser Billigsymbolik? Flatter, Falter, Schmetterling ...“ Sein Versuch, sich der Psychologin gleich zu stellen, scheitert, er wird entlassen und macht sich mit einer Schulfreundin auf den Weg auf eine Insel – Auszeit. Dort findet er Halt, verliert ihn und bricht weiter. „Bis eines Tages, im nächsten Leben“, kein Happy End, sondern elendes Weiterleben.
Christoph Steier schildert Kilians Fressen und Brechen mit drastischen Formulierungen: „Aber dann ging es wieder. Der Schwall war gigantisch, sprengte ihm fast den Hals und hörte gar nicht mehr auf. Zum Glück war die Cola gleichmäßig eingesickert, so kamen auch schon einige Brocken Fleisch mit heraus.“
So abstoßend seine Brechexzesse wirken mögen, sie sind ein gelungener Ausdruck der Krankheit. Steier zeigt, dass sein Roman sorgfältig recherchiert ist, auf drei Ebenen, wie er im Interview mit Titel Magazin erklärte – dem Gespräch mit Betroffenen, mit einem Arzt und Recherche via Internet und Literatur. „Also nicht aus persönlicher Betroffenheit“.
Die absurden, irrealistischen Gedanken, die Kilian plagen, sind ein weiterer typischer Teil von Bulimie: „Und immer pochte am Po das Fett, weiter und weiter, bis sich alles zerdehnte, unkontrolliert zerlief und ihn von innen zerfetzte.“
Dabei verachtet er Oberflächlichkeit, verachtet sich selbst, lebt ohne Orientierung – gleichzeitig als Außenseiter und einer von vielen.
Dass er mit reiner Logik – Kilian realisiert sehr wohl, was er tut – nicht gesund werden kann, hat er längst begriffen: „Hat auch die ganzen Kotzbücher gelesen. Findet es lachhaft, wie da irgendwelche tiefäugigen Muttchenpsychiater mit ihren Magermädchen einen Metaphernsalat der inneren, nie zu stopfenden Leere anrühren und das als Lösung verkaufen.“ Auf etwas anderes als seinen distanzierten Zynismus lässt sich der Protagonist nicht ein. Damit kommt er keinen Deut weiter und nervt zuweilen mit postpubertärer Gesellschaftskritik, in der nebenbei eine gehörige Portion Sehnsucht steckt: „Leute wie du, ihr seid eine Klasse. Ihr erkennt euch, und ihr habt die Sache im Griff. Guck dich doch um. Für Leute wie dich gibt es überall eine offene Tür.“ Dennoch gibt gerade dieses Verhalten dem Roman seine Authentizität, denn am Ende ist Kilian weder geheilt, noch in die Gesellschaft integriert, er ist allein. Es gibt keine große Hoffnung und was aus Kilian wird, bleibt offen. Damit lässt der Roman den Leser ebenso nachdenklich allein wie den Protagonisten.
Rezension
Wiebke Zollmann
(4.2.2009)

