
Wassertiere, Wracks und Wilde Küste:
Eine Reise durch das Land der Mpondos
Reisebericht
Amadiba Adventures
Mzamba Craft Centre
Main Bizana Road
Port Edward 4295
www.wildcoast.org.za
E-mail: bookings@wildcoast.org.za
Tel.: 0027 (39) 305 6455
Fax: 0027 (39) 305 6538
Port Edward/Südafrika. Die Sonne geht langsam unter, als wir über den Hügelkamm reiten und unser Camp entdecken. Zwei Holzhäuser und sieben Zelte drängen sich unter dem satten Grün der Bäume und Hecken in der vor uns liegenden Senke. Je näher wir dem Camp kommen, desto unruhiger werden unsere kleinen, drahtigen Pferde. Sie tänzeln, schütteln ihre Köpfe und versuchen, eine schnellere Gangart anzuschlagen, um endlich ihre wohlverdiente Ruhe zu bekommen. Bereits seit vier Stunden tragen sie uns mit kleinen Unterbrechungen durch die grasbewachsene Hügellandschaft. Unser Führer, ein Xhosa vom Stamm der Mpondos, lenkt sein Pferd geschickt den schmalen, ausgetretenen Pfad hinunter in die Senke. Links auf einer Anhöhe ducken sich drei strohgedeckte Rundhütten unter dem aufkommenden Wind, der an unserer Kleidung zerrt, den Schweif der Pferde durch die Luft wirbelt und Wolken in Richtung der orangefarbenen Sonne treibt. Es sieht nach Regen aus, und es ist höchste Zeit, dass wir das Lager erreichen. Wir sind hungrig, müde und fasziniert von der unberührten Natur, der wilden Küste und der Bekanntschaft ihrer Bewohner.
Bei strahlendem Sonnenschein und dreißig Grad sind wir morgens um neun Uhr gestartet, um vier Tage lang das Gebiet der Mpondos zu erkunden, ein Stamm der Xhosa, der an der südafrikanischen Wild Coast lebt. Als Küste der ehemaligen Transkei ist die Wild Coast auf einer Länge von 200 Kilometern bis heute touristisch weitgehend unerschlossen. Unter der Apartheid-Regierung wurde das Gebiet 1976 zu einem der so genannten Homelands erklärt und erhielt als Republik Transkei seine Autonomie. Doch die proklamierte Unabhängigkeit wurde nur in Pretoria zur Kenntnis genommen, international anerkannt wurde sie nie. Mit dem Ende der Apartheid ging die Transkei 1994 wieder im Mutterland auf und ist bis heute eine der ärmsten und unberührtesten Regionen Südafrikas. Selbst die Nationalstraße 2 macht einen weiten Schlenker ins Landesinnere, um die Küstenregion zu umgehen und erst wieder in East London auf den Indischen Ozean zu treffen.
Treffpunkt ist das Mzamba Craft Center in Port Edward, 120 Kilometer südlich von Durban, in dem die Organisatoren der Amadiba Adventures ihr Quartier haben. Das von der EU-geförderte Projekt versucht einen „sanften” Tourismus in diesem Teil Südafrikas zu etablieren, von dem die Xhosa-Gemeinden direkt profitieren. Kleine Gruppen von Touristen bereisen zu Fuß oder zu Pferd oder in einer Kombination aus beidem die Gegend in Begleitung eines Einheimischen. Lindile, ein 26jähriger Xhosa, schmal und drahtig, mit feinen, stolzen Gesichtzügen, stellt sich als unser Führer vor. Er wird uns die nächsten vier Tage durch sein Stammesgebiet begleiten und mit der unberührten Naturlandschaft und seinen Einwohnern bekannt machen.
Vom Mzamba Craft Center geht es zu Fuß, beladen mit Satteltaschen und Rucksäcken, vorbei am gigantischen Casino-Komplex an der Küste entlang Richtung Süden. Während der Apartheid besaßen die Homelands das Glücksspielmonopol, und so ragt der Casino-Komplex direkt hinter der ehemaligen Grenze auf. Rechts von uns ist dichter Dünenwald, links tiefblaues Meer, gekrönt von schäumender Gischt, die erahnen lässt, warum dieser Küstenabschnitt Wild Coast - Wilde Küste - heißt und in der Vergangenheit zum Verhängnis zahlreicher Schiffe wurde. Nach circa drei Kilometern erreichen wir den Mzamba River, an dessen gegenüberliegenden Ufer sieben zierliche Pferde grasen. Der Fährmann wartet mit seinem Kanu bereits auf uns, und wir werden einzeln mit unserem Gepäck durch den flachen, aber reißenden Fluss gerudert. Als wir uns den Pferden nähern, kommen zwei Jungen aus dem nahe gelegenen Gebüsch hervor. Unser Führer begrüßt sie herzlich, und nach einem kurzen Palaver sucht er mit geschultem Blick das passende Pferd für jede Person aus. Ich bekomme Mabona, eine braune Stute. Das Trekking beginnt.
Vier Stunden sind wir durch goldgelbes und grünes Hügelland geritten, vorbei an schroffen Felsformationen und über weiße, einsame Strände. Kurz bevor wir wieder die Richtung ändern und ins Landesinnere reiten wollen, sehen wir Delfine, die in rasender Geschwindigkeit durch das Meer gleiten. Die erste Rast machen wir gegen Mittag auf einem Plateau, das zu einem schmalen Flusslauf abfällt und den Blick auf einen Wasserfall und einen darunter liegenden natürlichen Pool freigibt. Baden ist erlaubt, und von den Felsen wagen wir den Sprung in das kühle, dunkelblaue Wasser. Eine atemberaubende Erfrischung, die von einer Dusche unter dem Wasserfall gekrönt wird. Drei Stunden Ritt durch nahezu unberührte Natur liegen noch vor uns, bevor wir unser erstes Nachtlager erreichen. Die ersten Wolken zeigen sich am Himmel, und Lindile drängt zur Eile. Wir brechen wieder auf.
Wir sind noch eine Stunde von unserem Ziel entfernt, als wir vor einer Mischung aus Kneipe und Supermarkt Halt machen, in der wir uns mit Süßigkeiten und Bier für den Abend eindecken können. Neben dem Laden singt und tanzt eine Gruppe Frauen in traditionellen Gewändern. Freundlich werden wir begrüßt aber auch neugierig und amüsiert beäugt. „Frauen würden bei uns niemals Hosen tragen, geschweige denn auf einem Pferd sitzen”, erklärt uns Lindile Augen zwinkernd mit Blick auf die drei Frauen, die unser Trekking mitmachen. „Das ist Männersache”, stellt er kurz und knapp fest. Im Laden trinken eben diese Männer milchig-gelbes Bier aus großen Plastikpötten. Billig und heiß geliebt ist es, das so genannte King Corn Beer oder auch 2-Tage-Bier, das aus Maismehl, Wasser und Gewürzen besteht und donnerstags vom Ladenbesitzer angesetzt wird. Nach einigen Stunden wird es noch einmal umgerührt und dann für einen Tag gelagert. Am Freitag, rechtzeitig zum Wochenende, hat es dann ausreichend gegärt. Heute ist Freitag „und freitags wird überall gefeiert”, erklärt uns Lindile.
Im Camp Kwanyana werden wir bereits erwartet. Winkend und freundlich lachend kommt die Köchin aus dem auf Stelzen gebauten Haupthaus, das als Küche des Camps dient. Daneben steht ein weiteres Holzhaus, ein wenig größer, mit offener Front, der Essraum. Sie stellt sich als Sbongile vor und heißt uns herzlich willkommen. Eilig bringen ihre Helferinnen warmen Tee, und wir sind froh, dass wir uns in die Stühle fallen lassen und von dem Ritt erholen können. Sbongile kündigt an, dass es in einer Stunde Abendessen gibt. Aber bevor es endgültig dunkel ist, sollen wir uns eins der Zelte aussuchen, die im Windschatten der Bäume und mannshohen dichten Büsche gebaut sind und die Uferböschung eines kleinen Flusses bilden, der das Camp begrenzt. Sbongile ermahnt uns, die Zelte immer zu verschließen und vor dem Zubettgehen auszuleuchten, um keine unliebsamen Überraschungen durch Skorpione oder Schlangen zu erleben. Mittlerweile ist die Nacht hereingebrochen, und leichter Regen hat eingesetzt.
Sbongile und ihre Helferinnen servieren wahre Köstlichkeiten: Hühnchen in einer würzigen Soße, Reis, frisch gebackenes Brot und Schokoladenpudding. Dazu trinken wir ein Bier, das wohlige Wärme in unserem Körper verbreitet. Auch Lindile hat sich zu uns gesetzt und lässt sich das gute Essen schmecken. Der Wind ist schon fast zu einem kleinen Sturm geworden. Lindile blickt von seinem Essen auf und stellt fest: „Morgen haben wir wieder gutes Wetter.” Ob es hier oft so stürmisch sei, frage ich. „Eigentlich nie. Aber jedes Jahr gibt es hier einmal einen sehr starken Sturm”, antwortet er und erzählt die Geschichte vom Inkanyamba, dem Wassertier, das in den Seen und Flüssen der Region lebt und einmal im Jahr an Land kommt, um auf der Suche nach einem Weibchen über die Hügel des Landes zu wandern. Bei seiner Wanderung, wird es von Stürmen begleitet, die die Dächer der Hütten abdecken. Fast so groß wie ein Elefant soll es sein und den Kopf eines Pferdes haben, der von einem wehenden Schweif gekrönt wird. Doch nur wenige Personen sind bisher mit dem Inkanyamba zusammengetroffen und konnten noch von ihren Erlebnissen erzählen. Denn das Wassertier holt sich auf seinen Wanderungen einen Menschen, zieht ihn in einen der zahllosen Flüsse und saugt ihn aus. Am nächsten Tag treibt der leblose Körper des Unglücklichen auf dem Wasser und die Xhosa wissen, das Inkanyamba hat sich seinen Tribut geholt. „Aber für das Inkanyamba ist der Sturm nicht stark genug”, sagt Lindile und zeigt lächelnd seine strahlend weißen Zähne. Wir trinken unser Bier aus und gehen durch die stockdustere Nacht nachdenklich in unsere Zelte. Der Wind heult, und mit den Gedanken an das Inkanyamba schlafen wir ein.
Am nächsten Morgen werden wir von strahlendem Sonnenschein und wolkenlosem Himmel geweckt. Unser Weg führt uns von Kwanyana weg zu dem spektakulären Gebiet der rostroten Sanddünen. Ein Gebiet wie die Oberfläche des Mars: Rote Erde, hier noch Stein, an anderer Stelle schon Sand, gespickt mit Faustkeilen der Urbevölkerung, die diese Gegend bewohnt hat. Von dem schroff abfallenden Sandstein-Plateau eröffnet sich ein atemberaubender Blick auf den Indischen Ozean. Auf unseren Pferden schlängeln wir uns durch dichten Wald hinunter zum Strand. Eine steife Brise weht, und die Wellen scheinen sich heute noch energischer gegen die Küste zu werfen. Wir wagen einen kleinen Galopp und Mabona zeigt, was in ihr steckt. Das drahtige Pferd entwickelt eine Energie, die erst wieder gestoppt werden kann, als wir das Wrack entdecken. Auseinandergebrochen und rostend liegen die Überreste des nordkoreanischen Frachters am Strand. 1976 geriet er nachts während eines starken Sturmes vor der Küste in Seenot. Die Mannschaft konnte sich retten, aber das Schiff war verloren und zerschellte. Kein Einzelschicksal. Die Wild Coast ist gespickt mit Schiffswracks aus allen Jahrhunderten: die Jacaranda, gesunken 1971, die Frontier II 1938, die O'Bell 1916, die São Bento 1554, eine lange Liste, deren ältestes Wrack aus dem Jahr 1552 stammt.
Gegen Mittag erreichen wir das Mündungsgebiet des Flusses Mtentu, an dem unser zweites Camp liegt. Auf einer Hochebene stehen die auf hölzernen Plattformen gebauten Steilwandzelte mit direktem Blick auf das Meer, in das der Fluss mündet. Nach einem Mittagsimbiss und kleinen Erholungsschläfchen erkunden wir nachmittags im Kanu den Fluss. Die Ufer sind von dichten, dunklen Wäldern gesäumt, aus denen hundertfaches Gezirpe von Insekten dringt. Von Zeit zu Zeit sehen wir Affen, die mit aufgeregtem Geschrei von Baumkrone zu Baumkrone springen und uns bei unserer Kanufahrt begleiten. Der Pflanzen- und Tierreichtum der Gegend ist überwältigend. Immer wieder springen Forellen aus dem Wasser und fallen mit lautem Klatschen in den gemächlich dahinziehenden Fluss zurück. Nach gut drei Kilometern landen wir in einem Seitenarm an und setzen unseren Weg zu Fuß fort. Bevor die Baumkronen immer dichter zusammenrücken, pflücken wir Mkambati Miniatur Kokosnüsse, so groß wie Pfirsiche, mit grüner fester Schale, die nur in dieser Region wachsen. Bald hat sich ein grünes Dach gebildet, das sich nach kurzer Zeit wieder öffnet und den Blick auf einen Wasserfall freigibt, an dem wir rasten. In mehreren Ebenen stürzt sich der Fluss aus den Bergen hinunter, um sich den Weg zum Meer zu suchen.
Abends treffen wir uns auf der Veranda des Gemeinschaftshauses, von der man auf die grünen Uferhänge des Mtentu blicken kann. Vor der Veranda flackert ein Lagerfeuer, und Lindile erzählt uns von seiner Hochzeit. Die gesamte „Community”, mehr als tausend Gäste, feierte zwei Tage lang seine Vermählung. Eine kostspielige Angelegenheit. Doch bevor es dazu kam, wurde seine damalige Freundin und jetzige Frau schwanger – unverheiratet – ein Desaster, wie sich Lindile lächelnd erinnert. Eines Morgens saß die gesamte Sippe seiner Freundin vor dem Haus und stellte ihn und seine Eltern zur Rede. „Ich leugnete nichts, denn ich liebe meine Frau”, erklärt Lindile. Damit begannen die Verhandlungen um den Preis, den der Bräutigam an die Brauteltern zahlen muss. Man einigte sich auf zehn Kühe und ein gesatteltes Pferd. Eine stattliche Summe, aber damit war die Hochzeit beschlossene Sache, die Ehre der Frau wieder hergestellt und die „Community” konnte damit beginnen, die traditionellen Lieder und Tänze für die Hochzeit einzustudieren und sich auf den Festschmaus und das Bier zu freuen. Die Welt der Mpondos ist nach wie vor stark von überlieferten Traditionen und Gebräuchen geprägt. Eine der schwierigsten ist die traditionelle Aufnahme der Männer in die Dorf-Gemeinschaft. Dafür ziehen sich die jungen Männer der Xhosa-Gemeinden im Alter von 18 Jahren für zwei Wochen mit einem heiligen Mann in die Abgeschiedenheit der Natur zurück, um dort in den Sitten und Gebräuchen ihres Stammes unterwiesen zu werden. Der bedeutendste und schmerzhafteste Teil dieser Zeremonie ist die Beschneidung. Ganz ohne Schmerzmittel muss die Prozedur überstanden werden. Nur wer das durchhält, wird ein echter Mpondo-Mann und vollwertiges Mitglied seiner Gemeinschaft.
Am nächsten Tag führt uns Lindile zu einem mystischen Platz, an dem seine Urahnen bereits vor vielen hundert Jahren lebten. Versteckt in einem Steingarten liegen die Höhlen, deren Zugang nur die Einheimischen kennen. Durch dichten Wald schlängelt sich der Pfad immer höher, bis wir plötzlich in einer langgestreckten Höhle stehen, deren Front weit offen ist und den Blick auf einen See freigibt. Ruhig und andächtig werden wir bei dem Gedanken, dass hier in grauer Vorzeit bereits Menschen lebten und vielleicht genau denselben Blick auf den See und die Wasserfälle hatten, wie wir ihn jetzt haben.
Der letzte Tag unserer Reise durch die Abgeschiedenheit der Wild Coast ist gekommen. Wir befinden uns auf dem Rückweg in die Zivilisation. Bei strahlendem Sonnenschein tragen uns unsere Pferde die letzten Kilometer die Küste entlang Richtung Port Edward. Unvermittelt zügelt Lindile sein Pferd und zeigt auf die Ablagerungen im Strand. Ein Laie würde sie für schmutzigen, schwarzen Sand halten und nicht die Kostbarkeit erkennen, die an der Wild Coast scheinbar im Überfluss vorhanden ist: Titaneisenerz, aus dem sehr hartes und gleichzeitig leichtes Metall für den Flugzeug-, Raketen- und Düsentriebwerkbau gewonnen werden kann. Ein begehrter Rohstoff, von dessen Vorkommen im Gebiet der Wild Coast auch ein australisches Unternehmen weiß und mit der südafrikanischen Regierung um die Konzession zum Abbau verhandelt. „Das würde das Ende unseres Lebens und unserer Traditionen bedeuten”, prophezeit Lindile mit düsterem Blick, zerreibt den Sand zwischen seinen Händen und lässt ihn auf die Erde rieseln. Vor allem würde es das Ende einer atemberaubenden Naturlandschaft und eines großartigen Abenteuers bedeuten, das viel von Südafrika, seinen Bewohnern und ihren ursprünglichen Traditionen erzählt, denke ich bei mir, und hoffe, dass die Wild Coast noch möglichst lange einsam und abgeschieden bleibt.





