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The Lady of the Lake

von Sir Walter Scott

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Schottland. Ein Reise-Handbuch

von Barbara Rausch u.a.

Barbara-Rausch-Verlag

Reiseberichte

Schottland - Heimat des Herzens

Während des Landeanflugs auf Inverness, die Hauptstadt der schottischen Highlands, lichtet sich die dicke Wolkendecke und gibt den Blick frei auf die atemberaubende, hügelige Landschaft Schottlands. Wie Farbkleckse erscheinen die einzelnen, weit verstreuten Häuser, inmitten der sepiafarbenen Heide- und Moorlandschaft. Rau-schöne Postkartenmotive, die offensichtlich keiner Retuschierung bedürfen. Einzig die Motorengeräusche des Flugzeuges stören die Vorstellung, wie ein mächtiger Seeadler über die Berge, Moore und Lochs zu gleiten. Man muss sich einfühlen in die Weite der Landschaft, die seit Jahrhunderten unverändert scheint - und in die Zeit.

Wir Kontinentler kommen seltener hierher, wenn überhaupt, dann im Hochsommer. Dennoch erwartet niemand, etwa in einem See oder gar im Meer baden zu können. Wer nach Schottland fährt, muss anderes finden wollen.

Nachdem das geschäftige Treiben des Flughafens hinter uns liegt, erfüllt uns augenblicklich ein Gefühl des Friedens, als ob der Ton des Lebens eine Nuance tiefer gestellt wurde. Selbst die Stimmen der Menschen um uns herum klingen leiser, irgendwie sanfter. Der freundliche Taxifahrer läßt es sich nicht nehmen, unterwegs zu unserem Cottage anzuhalten, um uns stolz einen außergewöhnlich schönen Ausblick auf einen der zahlreichen Lochs zu präsentieren.

Wir setzen unsere Fahrt fort, vorbei an verlassenen Häusern, deren Dächer zusammengefallen sind und deren Mauerwerk in hundert Jahren nicht anders aussehen wird, allenfalls noch stärker von Wind und Regen gebleicht.

Das Taxi schlängelt sich die Straße entlang, eine, die mit einer neuzeitlichen Decke versehen wurde; andere sind geschottert, die meisten jedoch einbahnig mit Ausweichstellen. Wenn ein Auto entgegen kommt, muss man Gespür haben, ob man die stangenmarkierte Ausweichbucht erreicht oder zurücksetzt. Gegenseitige Rücksichtnahme und der freundliche Gruß des Fahrers, dem ausgewichen wurde, bewirken Zusammengehörigkeitsgefühl. Eine notwendige Eigenschaft, für ein Land dessen Geschichte von zahlreichen Niederlagen geprägt ist und das seine Helden nicht erfinden muss.

Helden und Mythen

Nach jahrzehntelanger Beutelung und Vertreibung während der „Highland Clearances”, zog der bahnbrechende Erfolg eines Romans im Jahre 1810 ganze Touristenströme nach Schottland – sein Titel: Lady of the Lake von Sir Walter Scott.




Unterwegs in Schottland - von Helene Henke
Unterwegs in Schottland

Scott gab dem Leser mit seinen Werken ein so lebendiges Panorama schottischer Vergangenheit, wie sie es sonst nirgendwo fanden. Er begründete nicht nur das Genre des historischen Romans, sondern gab den Schotten ihre Geschichte zurück; nicht so sehr die Geschichte von Blut und Tränen als vielmehr einen farbigen, dramatischen Bilderbogen. Eine Vergangenheit, mit der sie sich trotz aller Niederlagen identifizieren konnten. Ob Robert Bruce, Rob Roy, Flora McDonald, Maria Stuart oder Bonnie Prince Charlie, erst Scotts Romane machten aus Schottlands gescheiterten Helden unbesiegbare Mythen.

Auch neuzeitliche Autoren schöpfen aus den Quellen schottischer Historie, so auch Diana Gabaldon mit ihrer Highland-Saga über Jamie und Claire. In Feuer und Stein, dem ersten von fünf Teilen, erzählt sie die spektakuläre Liebe zwischen dem Highlander James Fraser und Claire, die durch den Zauber eines Steinkreises in die Vergangenheit zurück katapultiert wird. Sie landet mitten in den Wirren der Jakobitenaufstände, kurz vor der Schlacht um Culloden im 18. Jahrhundert. Es ist nicht nur die mitreißende Liebesgeschichte, sondern die große Leidenschaft für Schottland, die dieses Buch im Leser erweckt.

Unser erstes Ziel ist ein Hochmoor zwischen Inverness und Cawdor Castle, Culloden Battlefield, das schottische Trauma. Hier fand am 16. April 1746 die blutige Schlacht zwischen dem letzten schottischen Thronerben Bonnie Prince Charlie und seinem Widersacher, dem englischen Herzog of Cumberland, auch der Schlächter genannt, statt.

Die schottische Geschichte sollte sich an diesem Tag entscheiden. Das schottische Heer befand sich eigentlich auf Rückzug, in Gedanken längst bei Frauen und Kindern. Die kampferprobten Männer waren nach einem Nachtmarsch ermüdet, hungrig und unterstanden dem Befehl von General Murray, einem wahrhaft miserablen Strategen. Gegenüber stand ihnen das ausgeruhte und wohlgenährte, fast doppelt so große Heer Cumberlands. Die Schlacht dauerte gerade 25 Minuten, dann hatten die Engländer die Schotten aufgerieben.

Das darauf folgende Gemetzel dauerte stundenlang, Cumberlands Befehl lautete: Keine Gefangenen! Die Verfolgung und Vertreibung der Schotten folgte in den darauf folgenden Jahrzehnten.

Heute weitgehend trockengelegt, überwuchert von struppigen Gräsern und Moos, liegt das einstige Moorland vor uns. Im Tal der River Nairn, in der leicht ansteigenden Ebene ein paar Bauernhäuser und kleinere Wälder.

Es regnet in Strömen, aber irgendwie scheint der Regen hierher zu gehören, genau wie die kahlen Berge der Highlands im Hintergrund. Vor uns auf einer Schautafel, die genaue Aufstellung der Heere. Sofort finde ich den Namen meines Romanhelden; der Clan Fraser hatte in der ersten Reihe des schottischen Heeres gekämpft. Ein paar Schritte weiter ein hoher Gedenkstein zu Ehren der hier gefallenen Clans, bestückt mit kleinen Sträußen aus frischen Blumen. Der Weg zum Touristen-Informations-Zentrum ist gesäumt von Grabsteinen, mit Aufschriften wie McDonald, McKenzie, Cameron oder Fraser. Massengräber, für jeden Clan ein Stein. Clan ist gälisch und bedeutet Kind, sein Oberhaupt wurde Laird oder Chieftain genannt, und zusammen ergaben sie eine klassenlose Großfamilie.

Uns begegnet ein Highlander in voller Hochlandtracht, eingehüllt in sein Plaid, als Schutz vor dem Regen. Erst sein freundliches Lächeln löst das beklemmende Gefühl im Magen. Er erzählt, daß er einer Schauspielertruppe angehört, die zur Zeit im Touristik-Zentrum gastiert, und bittet uns zur nächsten Vorstellung. In aufwendigen Kostümen wird dem Zuschauer auf humorvolle Weise die Zeit vor der Schlacht dargestellt. Wie der junge, wohlerzogene Abenteurer Bonnie Prince Charlie es mit einiger Mühe geschafft hatte, die verfeindeten Clans zur Schlacht zu rufen. Es war die alte Treue zum Königshaus Stuart und die Angst vor dem Verlust ihrer gälischen Kultur, welche die Highlander dazu bewog zu kämpfen. Doch was so bravourös begann und so katastrophal endete, war eine jakobitische Rebellion, kein schottischer Volksaufstand.

Loch Ness

Der unergründliche Loch Ness und sein sagenumwobenes Monster Nessie - wem fällt das nicht gleich ein, beim Gedanken an Schottland? Nach der populärsten Theorie handelt es sich bei Nessie um einen Plesiosaurier, der nach der letzten Eiszeit, obwohl zu diesem Zeitpunkt längst ausgestorben, vom Meer abgeschnitten wurde. Das vom Gletschereis befreite Land bei Inverness hatte sich seinerzeits angehoben und den Zugang zum Meer geschlossen. Die Überlebensbedingungen in dem 36 Kilometer langen und 1,5 Kilometer breiten See waren denkbar gut. Der fischreichste See Großbritanniens bietet Nahrung und genug Versteckmöglichkeiten in Felsspalten und Unterwasserhöhlen. Die tiefste Stelle wurde mit 325 Metern gemessen, doch keiner weiß, wie tief der Loch Ness tatsächlich ist.

Das mit Torfpartikeln durchsetzte Wasser ist undurchsichtig braun, so dass Taucher schon nach wenigen Metern nichts mehr sehen. Selbst bei strahlendem Sonnenschein bleibt das Wasser dunkel und undurchdringlich, wenn auch von einem satten Tiefblau.

Auf geheimnisvolle Weise scheint der Loch Ness zu leben, trägt uns geduldig in unserem Boot über seine Wellen. Wir genießen das sanfte Schaukeln und den Gleitflug der Möwen, halten hin und wieder, nur aus den Augenwinkeln, Ausschau nach Nessie. Für alle Fälle liegt der Fotoapparat griffbereit, dennoch glaubt man nicht wirklich, dass sich das Geheimnis des Sees ausgerechnet in diesem Augenblick offenbart.

"Aye, Nessie is big business", sagt der Fremdenführer mit einem Augenzwinkern, "ist ne Erfindung der englischen Touristen." In Wahrheit erzählt keine der zahllosen schottischen Sagen von einem Monster im Loch Ness, oder gar Nessie. Die schottische Mythologie kennt allenfalls so genannte Kelpies, scheinbar harmlose Wasserpferde, die sich stets als gefährliche Bestien entpuppen und schon manchen ahnungslosen Touristen in die Tiefe gerissen haben sollen. Der Überlieferung nach lebt übrigens in jedem Loch mindestens ein Kelpie.

Nach etwa dreißig Minuten hat das Boot gerade die Mitte des Sees erreicht und wendet behäbig, um die Rückfahrt anzutreten. Wir erreichen die Bootsanlegestelle in Fort Augustus am Südende von Loch Ness. Direkt gegenüber befindet sich ein Souvenirladen, der eine erlesene Auswahl an keltischen Schmuckstücken anbietet. Adrian, der Inhaber, ist komplett in der Tracht eines Hochlandschotten gekleidet. Selbst sein Schuhwerk besteht aus Fellen, die mit Lederbändern bis an die Waden geschnürt sind. Sein langes, dunkles Haar ist nach hinten gebunden, sein Gesicht aufgeschlossen und freundlich. Er führt uns durch eine unscheinbare, kleine Tür in ein Hinterzimmer. Und wieder überkommt uns das Gefühl, einen Zeitsprung gemacht zu haben, als wir uns auf einmal im Innern eines originalgetreu nachgebildeten Cottage aus längst vergangenen Tagen befinden. Wir nehmen Platz auf der kleinen Zuschauertribüne und folgen Adrians interessanten Ausführungen über das Leben der Highlander im 18.Jahrhundert. Er präsentiert uns zahlreiche Waffen, von Breitschwert bis Speer, erklärt diverse Kampftechniken und beschreibt unglaubliche Verstümmelungen, die sich die Kämpfenden zugefügt hatten. Er erzählt aber auch mit wohlklingender Stimme über das normale Alltagsleben der Hochlandschotten, die im normalen Leben, wenn mal gerade keine Schlacht anstand, einfache Bauern waren.

Kilt - von Helene Henke
Eine Fahne, die man anziehen kann

Zuletzt wendet er sich der klassischen Tracht des Highlanders zu. "Den Kilt, wie wir ihn heute kennen, gab es damals nicht", erklärt Adrian, "er ist eher eine neuzeitliche Erfindung."; Für den Hochländer ist der Kilt mehr als ein karierter Rock und der Tartan mehr als ein Stoffmuster. Die Tracht ist eine Fahne, die man anziehen kann, das maßgeschneiderte Clanbewußtsein. Das gälische Wort für Tartan ist breacan, kariert. Während der Zeit der Clearences war es den Schotten unter Androhung von hohen Strafen verboten, ihre Tracht zu tragen. Emigranten nahmen nicht ein Stück schottischer Erde mit sich, sondern ein Stück schottischen Stoff: den Tartan ihres Clans. Dennoch sind viele Farbkombinationen im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten und später neu erfunden worden.

Adrian breitet eine etwa 8 m lange Bahn aus robustem Wollstoff vor sich auf dem Boden aus und legt etwa einen Drittel der Bahn kunstvoll in Falten. Ein Freiwilliger aus dem Publikum legt sie, etwa in Hüfthöhe, rücklings auf die vorbereitete Stoffbahn. Nun wird das Plaid um seinen Leib geschlungen und mit einem Gürtel fixiert (kilted). Der lange, überlappende Teil wird nun schräg über die linke Schulter geworfen und vorne locker in den Gürtel gesteckt. Bei schlechtem Wetter nutzten die Highlander diesen Überwurf auch als Regenschutz; bei Nacht als Schlafsack.

Wir bestaunen die perfekt liegenden Falten am hinteren Teil des Rockes, die beim Gehen dieses besondere Wippen verursachen, das jeden Kiltträger so ungemein attraktiv wirken lässt. Zuletzt wird das 2schwarze Messer" sgian dhu in den Strumpfsaum gesteckt; manchmal wurde dieses kleine Messer auch in der Achselhöhle getragen. Natürliche kommt sofort die allgegenwärtige Frage auf, was denn der Schotte nun wirklich unter dem Kilt trägt? Nun, die Antwort ist ganz einfach: Entweder ganz normale Unterwäsche oder ein Hochlandhemd Leni Croich, das nach alter Sitte mit Safran gestärkt wurde und damit auch den kräftigsten, unter den Rock greifenden Windböen standhält.

Schottisches Nationalgericht - Haggis

Neben dem meist gesalzenen, herzhaften Haferbrei (Porridge), der in Schottland zum Frühstück verzehrt wird, ist das Nationalgericht wohl das berühmt-berüchtigte Haggis.

Wir machten unsere erste Bekanntschaft mit Haggis in einem kleinen Pub, The Garrys, zwischen Fort Wiliam und Fort Augustus. Haggis ist eine graugrünliche Wurstkugel, prall gefüllt mit Schafsinnereien, Hafermehl und Gewürzen, die mehrfach gekocht wird. Dazu serviert werden Steckrüben und Kartoffeln. Selten findet man das Gericht in Hotelküchen und schon gar nicht auf den Tellern der Fastfood-Restaurants. Haggis ist schottisch, siedet lieber in heimischen Kochtöpfen und schmückt zahlreich die Auslagen der heimischen Metzger.

Zugegeben, es stellt den Gaumen des ausländischen Feinschmeckers durchaus auf die Probe, so dass allein der Anblick bei manchen ein Schaudern erzeugt. Doch Haggis ist köstlich! Vielleicht muss man das Land mit seinem Herzen sehen, um dieses Gericht zu mögen. Manchmal genügt auch eine Kindheitserinnerung an ein ähnliches, deutsches Gericht - Grützwurst, auch aus Innereien und in diesem Fall mit Grütze hergestellt. Sehr schmackhaft mit Kartoffeln, Rahmsoße und Salat, erzeugt auch dieses Gericht das ein oder andere entsetzte Gesicht bei unwissenden Besuchern an der eigenen heimischen Tafel. Wem Haggis nun doch nicht liegt, dem bleiben ein paar Ausweichmöglichkeiten, wie Fish&Chips, oder die für Kinder sehr interessante Kombination von Pizza und Chips ...!

Unterwegs mit Kindern

Urquard Castle gehört zweifelsohne zum Pflichtprogramm. Die pittoresken Ruinen am Loch Ness sind bekannt für ihre häufigen Berichte über Nessie-Sichtungen. Umgeben sind die Ruinen von gepflegten, saftig-grünen Rasenflächen. Die zahlreichen Rasenhügel laden Kinder jeder Altersgruppe, in unserem Fall 14 und 6 Jahre, zum Herumtoben ein. Unser elterlicher Blick sucht augenblicklich die gesamte Fläche nach "Betreten verboten"-Schildern ab, doch nichts ist zu sehen. Ein Blick zu dem freundlich lächelnden Aufsichtspersonal lässt uns entspannen und trägt dazu bei, unseren Aufenthalt in und um Urquard Castle zu verlängern.

Zwischen Inverness und Aviemore liegt der Landmark Forest Heritage Park, das "Phantasialand der Highlands". Der großflächige Freizeitpark bietet eine Vielzahl an Unterhaltungsmöglichkeiten, mit einem gravierenden Unterschied zu üblichen Parks: Man hat an fast allen Standorten den Eindruck, das Plastik sei noch nicht erfunden worden. Der Park liegt inmitten eines Waldes und bietet lehrreiche Einblicke in die Holzverarbeitung. Über Hochstege begeht man den Pinienwald, wodurch der moosige Boden geschützt und dem Touristen eine andere Perspektive geboten wird. Selbst der Aussichtsturm besteht ausschließlich aus Holz und bietet, oben angekommen, einen spektakulären Ausblick auf die aufgeforsteten Wälder der Highlands. Nur dort, wo es unverzichtbar ist, sind andere Materialien eingesetzt. So gibt es eine Wildwasserrutschbahn in drei Schwierigkeitsgraden, die man in einem kleinen Schlauchboot heruntersausen kann. Ein Vergnügen für Groß und Klein, welches sich nicht zuletzt dadurch auszeichnet, dass es keine langen Wartezeiten gibt. Wie nirgendwo in Schottland wird man auch in einem Freizeitpark nicht von Menschenmassen durch die Gänge geschoben. Hier vergisst man die nervenaufreibenden Kirmesbesuche mit der ganzen Familie und besinnt sich darauf, in einem Land zu sein, dessen zweiter Name auch Harmonie sein könnte.

Ben Nevis - Glen Affric

Am westlichen Ende des Caledonian Canal liegt Fort William. Einst strategisch günstig gelegener Garnisonspunkt, dient der Ort heute als Zwischenstation für Ausflüge. Bei klaren Wetter bietet der Ben Nevis eine eindrucksvolle Kulisse für den sonst unscheinbaren Ort. Ben Nevis, der höchste Berg Großbritanniens (1.343 Meter), gilt unter Bergsteigern als einer der gefährlichsten "Killerberge" Europas. Jährlich kommen Bergsteiger beim Versuch, den Ben Nevis zu erklimmen, ums Leben, und zahlreiche, unbelehrbare Touristen müssen aus seinen Felsen geborgen werden.

Eine wesentlich ungefährlichere Variante, den auch im Sommer mit Schnee bedeckten Gipfel zu erklimmen, bietet eine Seilbahn. Nur begleitet vom Surren der Stahlseile und den weit unter uns grasenden Schafen nähern wir uns dem Ziel. Wir verlassen die Seilbahn auf einer Art Plattform mit Aufenthaltsmöglichkeiten und Souvenirläden. Der eigentliche Gipfel des Ben Nevis ist von hier aus über einen Trampelpfad zu erreichen. Doch der eisige Wind, der wie ein Drohgebärde durch unsere Kleider fährt, lässt uns schnell anders entscheiden. Die Sicht wäre sowieso nicht klar genug, um bis Irland blicken zu können.

Schottisches Wetter ist wechselhaft, doch an einen Tag "Winter" und am nächsten Tag "Sommer" erleben und dabei keine 80 km zurück zu legen, ist schon ein Erlebnis. Eins der schönsten Täler liegt nahe bei Beauly und trägt den Namen Glen Affric. Das Thermometer misst warme 25 Grad, für schottische Wetterverhältnisse nahezu "tropische" Umstände. Wir legen unsere Jacken ab und erkunden das herrliche Wandergebiet mit Fluss, Wald, Lochs und Bergen. Fast verborgen liegt der Trampelpfad, der uns am Bachlauf entlang führt. Wir widerstehen dem Drang, querfeldein durch die üppige Landschaft zu laufen, entsinnen uns des obersten Gebotes für Spaziergänger und Wanderer in Schottland - verlasse nie den Weg!

Denn außerhalb der Wege ist die Landschaft urwüchsig und wild. Zahlreiche kleine Tümpel werden von unzähligen Wasserrinnen gefüllt und suchen sich ihren Weg durch Grasbüschel und Moose. Fast unerwartet stehen wir vor dem Wildwasser des Flusses, lassen uns auf einen sonnengewärmten Felsen nieder und genießen die ergreifende Schönheit, die uns umgibt.

Dunrobin Castle

Je weiter man in den Norden fährt, desto altmodischer wird die Landschaft. Vor jedem Haus liegen zwei, drei Schafe hinter einer Mauer im Windschatten. Sie tragen Farbflecke auf dem Fell, die zeigen, wem sie gehören. Manchmal traben sie gemächlich vor unserem Auto, zwingen uns, in ihrem Tempo über die Landstraße zu gleiten, bis sie sich irgendwann entscheiden, einen Abstecher zu den saftigen Wiesen zu unternehmen.

Kurz hinter Golspie liegt Dunrobin Castle, ein märchenhaftes Schloss, das mit seinen Spitztürmen französischen Einfluss zeigt. Die Anfänge des Schlosses reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück, und es ist bis heute Sitz des Duke of Sutherland, der einst der größte Großgrundbesitzer Westeuropas war. Im großen Stil führte die Grafschaft im 18. Jahrhundert die "Clearences" durch und vertrieb 15.000 Pächter, um Platz für die einträglichere Schafzucht zu schaffen. In seiner brutalen Art unterschied sich Sutherland dabei nicht von den verfeindeten Engländern, so dass sein Name noch heute in der Region berüchtigt ist.

Mit angehaltenem Atem betreten wir durch das hohe Portal die weiträumige Halle von Dunrobin Castle. Sie ist an Pracht kaum zu überbieten. Aufwendige Wandteppiche, auf denen Szenen verschiedener Jagdgesellschaften dargestellt sind, zieren die Wände. Die vielen Löwenteppiche stammen von dem 3. und 4. Duke, die passionierte Großwildjäger waren.

Dunrobin Castle - von Helene Henke
Die Gärten von Dunrobin Castle

In den Gängen hängen zahlreiche Familienporträts. Über dem gedämpft knarrenden Parkettboden sind zahlreiche Teppiche in den Tartanfarben der Sutherland ausgelegt. Wir sehen ein Speisezimmer mit erlesenem chinesischen Porzellan und ein voll eingerichtetes Kinderzimmer mit alten Puppen. Durch den Drawing-Room mit seinen schönen Gobelins gelangen wir in die mit Holz getäfelte Familienbibliothek. Über 10.000 Bücher umfasst die Sammlung; einige davon sind so alt, dass sie den Eindruck erwecken, augenblicklich zu Staub zu werden, wenn man sie berührt. So streift man beim Lesen der Titel allenfalls zart mit den Fingerspitzen über den Einband. Weiterhin bewundern wir Uniformen, Orden, alte Gewehre, Schmuckstücke, das Siegel der Sutherlands sowie das Vierpfostenbett, in dem Queen Victoria 1872 bei ihrem Besuch geschlafen hatte.

Von den nördlich gelegenen Räumen aus bietet sich ein wunderschöner Blick auf die Gärten, die im Versailles-Stil angelegt wurden, um die Schönheit des Schlosses zu unterstreichen. Beim Spaziergang durch die Gärten stößt man auf ein separates Wildmuseum, in dem zahlreiche Trophäen aus afrikanischen Steppen ausgestellt sind, aber auch piktische Steine und andere Funde aus der Gegend zu sehen sind.

Die Gärten enden an der Strandpromenade und geben den Blick frei auf den Horizont über der Nordsee. Die raue Luft schmeckt salzig, doch füllt sie mein Herz mit Sehnsucht und meinen Kopf mit der Hoffnung auf Wiederkehr - zurück in die Heimat meines Herzens.