
Frankreich
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit
Reisebericht
Wir waren auf dem Weg in das Land unseres "Lieblingsfeindes", nach Frankreich. Jahrhunderte hatten Deutsche und Franzosen Ärger. Wenn es nicht gerade um die Vorherrschaft in Europa ging, dann um Grenzverschiebungen. Ein Grund fand sich immer, zahlreiche Kriege und Streitigkeiten verbinden uns mit ihnen.
Wir hatten schon viele Geschichten von Frankreichbesuchen gehört, alle handelten irgendwie davon, dass die Franzosen es ablehnen, eine andere Sprache als die Ihre zu sprechen. Deutsch natürlich erst recht nicht. Nach unserem Besuch in Paris, eine wirklich schöne und angenehme Stadt, wenn man das von einer Großstadt sagen kann, klangen die Geschichten nur glaubhafter. In Paris sahen wir, wie sich ein Land und eine Nation feiern. Die wenig rühmlichen kolonialen Kriege und blutrünstigen Siege in den Sechzigern des 20. Jahrhunderts werden genauso bejubelt, wie die Siege Napoleons oder die häufigen Kriege gegen England, das wohl den ersten Platz in der Liste der Feinde Frankreichs einnimmt.
Ausgerüstet mit meinem rudimentären Schul-Französisch machten wir uns auf den Weg. Leider hat meine Frau nur Englisch in der Schule gelernt und mein damaliger Lerneifer, die Sprache eines Landes zu erlernen, welches ich wahrscheinlich nie und wenn dann nur unter Auflagen und Einschränkungen besuchen konnte, war nicht besonders groß. Inzwischen hatte ich mich schon öfter über meine Kurzsichtigkeit geärgert, und dass der Satz von Wladimir Iljitsch Lenin: "Wer eine Sprache kann, ist einmal Mensch, und wer zwei Sprachen kann, ist zweimal Mensch" wahr ist, hatte ich auch mit einem gewissen Schrecken feststellen müssen. Mit sechzehn denkt man da anders, obwohl mein Vater nicht müde wurde, mir diesen Satz von Lenin einzuhämmern. Damals ging mir nicht nur Lenin auf die Nerven. Heute bin ich es, der nervt und seinen Kindern den Satz vordeklamiert, mit ebenso mäßigem Erfolg wie damals mein Vater.
Wir hatten uns eine Ferienwohnung im Tal der Maas, ca. 30 km südlich von Verdun gemietet. Bei der Anfahrt wichen wir der gerade stattfindenden "Tour de France" aus, der wohl größten europäischen Werbeveranstaltung der pharmazeutischen Industrie. Wir fanden die Wohnung in einem kleinen Dorf, welches sich an einen bewaldeten Berghang oberhalb der Maas schmiegt, die in 4 km Entfernung vorbeifließt. Weit sichtbar wird die Siedlung durch ihre herrliche Kirche, die würdevoll am Hang über allem thront. Sitzt man auf der Friedhofsmauer, die die Kirche umgibt, hat man einen fantastischen Blick. Hier öffnet sich das Maas-Tal weit, und die Landschaft liegt dem Betrachter zu Füssen mit ihren Feldern und bewaldeten Hügeln. Dazwischen schlängelt sich friedlich der Fluss.
Für Wasser in jeder Form bin ich zu haben, wenn es nur von Fischen bewohnt ist, und das hier gefiel es mir besonders gut. Die Maas hat noch handliche Ausmaße: so um die 10-20 Meter breit und 1-2 Meter tief mit gemächlicher Strömung, aber auch mit schnellen Abschnitten. Hier hat sie einen ständigen Begleiter, einen Kanal, durch den die Schiffbarkeit ermöglicht wird, für kleine Schiffe zumindest. Der Fluss nicht komplett in Ketten gelegt, begradigt und mit Schleusen verbaut. An den nicht schiffbaren Stellen trennt sich der Kanal von der Maas, um sich bei nächster Gelegenheit wieder mit ihr zu vereinigen. Eine einfache und wirksame Lösung.
Wir bezogen die Wohnung in einem vielleicht 200 Jahre alten Bauernhaus mit niedrigen Zimmern und schiefen Böden. Alles strahlte ein fast majestätische Würde aus. Man konnte die Geschichten geradezu körperlich wahrnehmen, mit denen sich das Haus im Laufe der Zeit gefüllt hatte. Alles sehr einladend. Wir wurden freundlich von einer älteren Dame empfangen, die im Nachbarhaus wohnte und sich um die Ferienwohnung kümmerte. Zu unserem Erstaunen eine Holländerin. Wir fühlten uns hier willkommen und wohl. Mit mildem Entsetzen stellten wir fest, dass ein Fernseher nicht zur Ausstattung gehörte, ein Zustand der im Nachhinein betrachtet sehr zu unserer Erholung beitrug.
Bevor wir uns in die weitere Umgebung aufmachten, besorgte ich mir im Nachbardorf in einem kleinen Cafe einen Angelschein für die Maas, wobei mir die Sprachkenntnisse meiner Tochter Antonie sehr zupass kamen. Die vielen Angler, die ich schon in der kurzen Zeit gesehen hatte, weckten meine Fantasie und Jagdfieber.
Jetzt, wo die Angelei gesichert schien, konnte ich den Urlaub beginnen.
Das Wetter war irgendwie ungewiss, so halb Regen oder doch Sonne? Das machte uns die Entscheidung leicht, wir sahen uns zunächst in Verdun um. Je näher wir der Stadt kamen, umso häufiger sahen wir Friedhöfe gefallener Soldaten: Franzosen, Deutsche und Amerikaner.
Sie sind einfach eindrucksvoll, riesig, ein Kreuz am anderen. Eherne Mahnung der Vergänglichkeit. Ist nicht alles Irdische dem Untergang anheim gegeben, nicht nur die Körper derer, die hier um Ruhm und Ehre, für Gott und Vaterland kämpften? Auch die Siege und Niederlagen, die sie mit Ihrem Blut errangen, sind längst Vergangenheit. Warum so ein Massenschlachten?
Wir kamen in die Stadt. Auch hier sind Spuren des Krieges 1914-1918 sichtbar. Baujahr der ältesten Häuser 1919, nur eine riesige Zitadelle unter der Stadt ist älter. In dieser haben sich die Soldaten nach dem Fronteinsatz erholt, wenn man dieses Wort im Hinblick auf die damaligen Ereignisse benutzen kann.
Den ganzen Tag war ich auf der Suche nach einem Angelladen wegen der Köder, die ich für meine geplanten Fischzüge brauchte. Nichts, nur ein geschlossener Laden in der Nachbargemeinde. Also gut, heute blieb es noch bei der Planungsphase.
Auch am nächsten Tag konnte sich das Wetter noch nicht durchringen und die Sonne scheinen lassen, es nieselte und die Wolken sahen nicht sehr vertrauenerweckend aus. Nun hatten wir wieder ein Problem, aber hier gibt es genug zu sehen. Die Entscheidung fiel auf die Festung von Sedan. Wegen ihrer gewaltigen Ausmaße, einer bebauten Fläche von 35000 qm, gilt sie als die ausgedehnteste Festungsanlage ihrer Epoche. Sie hat eine architektonische Besonderheit: sie bildet einen Gebäudekomplex, dessen Bau sich vom Mittelalter bis in die Renaissance erstreckte, und so wurde sie zu einem echten Spiegelbild der Militärbaukunst. Die Stadt Sedan, eine sehr alte Siedlung am Ufer der Maas, gegründet von den Galliern, hatte schon zu Zeiten der Römer eine strategische Bedeutung. Wen wundert es, dass solch eine Festung hier zu finden ist. Sie hat immer eine wichtige Rolle in der Geschichte Frankreichs gespielt, hier wurden Könige geboren und zu Fall gebracht, sie schützte die Anhänger der Reformation und war an ungezählten Grenzkonflikten beteiligt. Hier im Herzen von Europa gaben sich die Herrscher und Königshäuser sprichwörtliche die Klinke in die Hand.
Einen Angelladen fand ich allerdings wieder nicht. Ich sah die Franzosen mit Kopfruten angeln und dachte dabei an Plötzen und Rotfedern. "Hm", überlegte ich, "die kann man auch mit Weißbrot fangen". Gedacht - getan: Das allgegenwärtige Baguette lieferte mir den entsprechenden Köder und so saß ich bei meinem ersten Versuch am Kanal mit meiner Stippe, auch eine Kopfrute wie die der Franzosen, die ich gesehen hatte.
Während ich so saß, sah ich Fische steigen. Komisch, in einem solchen Gewässer können doch keine Forellen sein und doch sah ich Ringe an der Oberfläche. Ringe, wie sie Forellen hinterlassen, wenn sie Oberflächennahrung aufnehmen: ins Wasser gefallene Fliegen oder Käfer. Sie fressen Anflugnahrung, wie man so schön sagt. Oft schon hatte ich diesen Vorgang beobachtet, es war immer ein gutes Zeichen. Ich hatte auch schon mehrere Forellen mit meinen Kunstfliegen hereingelegt. Doch Forellen in einem fast stehenden Kanal? Unwahrscheinlich. Mitten in mein Nachdenken fuhr mir eine wilde Jagd. Kleine Fische spritzten auseinander, hüpften aus dem Wasser in rasender Flucht und ich sah einen silbernen Schatten hinter ihnen herschießen. Die Form war die einer Forelle, aber die Farbe passte nicht dazu. All das versetzte mich in Jagdfieber und mein Entschluss stand fest, ich fange Köderfische und mache Jagd auf den Jäger, was immer dieser auch für ein Fisch ist.
Nach Stunden ohne nennenswerten Biss sah ich ein, dass die Jagd verschoben werden musste.
Am nächsten Tag schien die Sonne, sie hatte offensichtlich den Sieg davon getragen. Ein herrlicher Tag, und wir wanderten in der Umgebung. Am Nachmittag gingen wir baden. Wir hatten uns von unserer Gastgeberin sagen lassen, wo dies möglich sei. Sie sagte uns, dass hier alle in der Maas baden und beschrieb uns auch gleich einen Weg zu einer günstigen Stelle. Wir kamen an eine breite Kurve des Flusses, an deren Innenseite sich eine Art Kiesstrand gebildet hatte. Einige Franzosen lagen hier schon rum, sonnten sich und spielten mit ihren Kindern. Auch wir lümmelten uns hin, aber mehr im Schatten. Zur Abkühlung gingen wir baden. Sicher, hier kann man nicht weit schwimmen, will man weite Strecken, kann man gegen die Strömung kraulen, das wirkt wie ein Laufband, und man kann Kilometer "schruppen", ohne von der Stelle zu kommen. Ein lustige Angelegenheit mit der Strömung, vor allem für uns Flussneulinge.
Am Abend saß ich wieder am Kanal, in der Hoffnung auf Köderfische. Wieder das gleiche Auftauchen der Fische, offenbar sammelten sie tatsächlich Fliegen von der Oberfläche. Nach einer halben Stunde hatte ich den ersten Biss, die Pose ging ab, weg war sie. Ich hieb an ... nichts. Das wiederholte sich mit schöner Regelmäßigkeit noch mindestens sechsmal, ich fluchte. Maden, das wäre die Lösung, doch der Angelladen in der Nachbargemeinde hatte immer noch zu. Anfüttern, das war die Lösung.
Als ich am nächsten Tag zum Bäcker fuhr, fütterte ich das erstemal an. Ich bin kein aus- gesprochener Friedfischexperte. Alles was ich so von anderen aufgeschnappt hatte - wer fragt schon gern? - war, dass man möglichst lange und oft an ein- und derselben Stelle Futter ins Wasser versenken muss, daraufhin kommen die Fische und das Angeln geht wie von selbst. An diesem Tag warf ich noch viermal Futter an derselben Stelle ins Wasser, zwei Büchsen Mais gingen dabei drauf, Haferflocken, Brotkrümel ... alles, was so zur Verfügung stand, klein geschnittene gekochte Nudeln und so weiter. Ich überlegte: "Geh ich heute noch und hole mir die Köderfische oder lieber erst morgen?". Meine Neugier siegte, ich ging gleich. Schnell hatte ich meine Stippe startklar und saß mit festem, erwartungsvollen Blick auf die Pose am Ufer, exakt an der Stelle, wo ich im Laufe des Tages das Futter versenkt hatte.
Nach einer Stunde wurde mir klar: von alleine geht nichts. Nach einer weiteren Stunde zweifelte ich an den Geschichten, die ich über das Angeln mit Anfüttern gehört hatte und nach der vierten Stunde fuhr ich heim. Nicht einmal gezupft hatten sie, so wie sie es am Vortag sogar ohne Futter getan hatten. Vom Angeln hatte ich erst einmal genug.
Wir wanderten viel in der näheren Umgebung. Hier gibt es wunderbare Wege am Fluss entlang und über die bewaldeten Hügel. Natürlich erkundeten wir auch weiter die Gegend mit dem Auto. So sahen wir uns Montmedy an, ein mittelalterliche Zitadelle, auf einem Felsplateau in der Nähe des Maas-Tals. Gegründet 1221, ist sie noch 200 Jahre älter als die Festung von Sedan. Festung ... Zitadelle ...? Der Unterschied wurde mir erst vor Ort klar. Als die Zitadelle Montmedy am Horizont auftauchte, blieb uns der Mund offen stehen. Auf einem Hügel gab der Dunst eine gewaltige Burg, gekrönt von einer majestätischen Kirche, frei. Wir fuhren den Hügel hoch, durch mehrere riesige Tore und überquerten einen Graben mit Hilfe einer Zugbrücke, bis wir endlich in den Hof kamen. Hier war eine ganze Stadt von einer Wehranlage umgeben, wie ich sie noch nie sah und deren Existenz ich auch nicht vermutete hätte. Den Grundstein der Anlage legte der Garf Arnould lll von Loos und Chiny, 1364 durch den Herzog von Luxemburg erworben, fiel sie mit der Grafschaft Chiny 1462 als Erbe an Philipp den Guten, Herzog von Burgund, dessen Sohn Karl der Kühne 1477 vor den Toren von Nancys getötet wurde. Maria, die Tochter des Letzteren schenkte durch ihre Heirat Montmedy an Österreich und so ging es munter weiter mit Spaniern, Niederländern und jeder Menge Grenzhändel. Natürlich gab jeder Besitzer sein Bestes, um die Anlage zu vergrößern und an die Erfordernisse seiner Zeit anzupassen, und so entstand die imposante Anlage.
Wieder zurück und immer noch ohne Köder, beschloss ich mir einem Spaten zu besorgen und dem Ködermangel ein Ende zu setzen.
So kam es dann auch, dass ich am nächsten Tag am Straßenrand nach Würmern buddelte. Nach mehreren Versuchen stellte sich der Wald am ergiebigsten heraus und so ging ich am Abend mit meinem Sohn Erik angeln.
Ich hatte eine Stelle am Fluss ausgesucht, breit, mit langsamer Strömung. Wir machten die Angeln zurecht und mit einer leichten Grundmontage warfen wir aus. Und siehe da, es dauerte nicht lange und die erste Rute zitterte. Erik hieb an - und nichts, Fehlbiss. Zügig beköderten wir neu und warfen wieder aus. Minuten später der nächste Biss, wieder nichts. Da fiel mir der Satz eines Friedfischanglers ein: Je kleiner, umso gemeiner! Sofort setzte ich ihn in die Tat um, ich suchte den kleinsten Haken hervor und das kleinste Blei, das mir zur Verfügung stand, und warf aus. Gespannt erwartete ich nun den Biss. Die Minuten verstrichen unglaublich träge, und nach viel zu langer Zeit kündete ein leises Zittern der Rutenspitze von einem Interessenten unter Wasser - oder war es die Strömung?
Jetzt bog sich die Rute, sie wackelte, Erik sprang auf und hieb an. Der Haken saß. Die Rute bog sich weiter. Er kurbelte, und ans Ufer in den Kescher kam eine mittlere Brasse. Erleichtert hake ich die Brasse ab, der erste Fisch nach einer Woche. Ich hatte schon befürchtet, den Urlaub ohne Fang verbringen zu müssen. An diesem Abend fingen wir noch drei Brassen und zwei Barsche. Die sind unverwüstlich und ich war ihnen dankbar, auf ihre Gier ist immer Verlass. Das Vertrauen in meine Angelkünste war wieder einigermaßen hergestellt, und ich beobachtete die Franzosen genauer bei unseren nächsten Ausflügen.
Einer führte uns nach Reims, die Hauptstadt der Champagne. Sehr alt natürlich, auch von den Galliern gegründet und von den Römern überrollt.
Es gab eben nur ein einziges Dorf, das den Römern unermüdlich Widerstand leistete, umgeben von den befestigten Römerlagern Laudanum, Kleinbonum, Aquarium und Babaorum lag es friedlich an der Küste Galliens. Seine Bewohner unter der besonnenen Führung ihres Häuptlings Majestix, brachten es zu Weltruhm. Wer kennt sie nicht: Asterix und Obelix, Troubadix und den Druiden Miraculix.
In Wirklichkeit hatten natürlich viele Stämme gegen die Besatzer gekämpft. Andere arbeiteten mit Ihnen zusammen und so kam es, ohne den Zaubertrank der Einigkeit, zur dramatischen Schlacht um Alesia. Hier wurde das Schicksal der Kelten besiegelt.
In der Schlacht verlor ein keltisches Heer von fast 300 000 Männern unter der Führung von Vercengetorix gegen 50 000 gut geschulte Legionäre, die aus ihren Befestigungen heraus kämpften und so den Galliern eine vernichtende Niederlage beibrachten, von der sich diese nicht wieder erholten.
Notre Dame von Reims, atemberaubend, fantastisch, riesig, gewaltig, einmalig ... nur einige Adjektive, die mir in den Kopf kamen, als wir vor dieser Kathedrale standen. Notre Dame de Paris wirkt wie eine Kapelle im Vergleich zu diesem Bauwerk. Beim Betreten der Kirche wird man von Ehrfurcht ergriffen. Die Dimension ist unvorstellbar, unbegreifbar im Sinne des Wortes. Man kann sie nicht angreifen, anfassen, nicht einordnen, man ist einfach fassungslos. Baut man solche Bauwerke um ihrer selbst willen oder um Gottes Größe zu preisen? Ich weiß es nicht.
Generationen von Steinmetzen, Zimmerleuten, Maurern und vielen anderen Handwerkern haben ein Gebäude geschaffen, das einmalig ist. All ihre Hoffnung, all ihre Gebete, ihre Freude und Ihr Leid haben sie mit eingearbeitet. Man kann sie wahrnehmen die Energie, die solch ein Ort ausstrahlt. Seit tausend Jahren kommen die Menschen mit Ihren Sorgen und Nöten, ihrer Dankbarkeit, Freude und Mutlosigkeit hierher, um neue Kraft zu schöpfen, um einen Zuhörer zu finden, eine Entscheidung zu fällen. All das kann man spüren. Hier wird Gott erlebbar.
Natürlich besuchten wir auch eine der berühmten Champagnerkellereien. Wir besichtigten einen Keller mit 5 Millionen Flaschen, die mit der Hand gestapelt, gedreht und wieder gestapelt werden, eine Sisyphus-Arbeit!
Selbstredend verlor ich die französischen Angler nicht aus den Augen. Nichts gibt einem besser Aufschluss über die möglichen Fänge, als die Fischer vor Ort und ich sah sie mit kleinen Gummifischen angeln. Da konnte ich mitziehen. Nicht mit Gummifischen, aber ich hatte eine gute Auswahl kleiner Blinker, Spinner und Woppler, mit denen ich sonst Forellen fange. Also gut, der Versuch ist es immer wert, und so zog ich los mit einer leichten Spinnrute, Erik mit dem Kescher. Wir sind ein eingespieltes Team beim Angeln an Flüssen, einige Forellen könnten das bestätigen. Ich hatte als Ausgangspunkt eine Brücke gewählt, unter der die Maas durchströmt. Durch die Brückenfeiler entstanden forellenverdächtige Strömungsausläufe, die zum Teil in Gumpen endeten, für Forellen wie geschaffen. Als wir am Ufer unter der Brücke standen und ich die richtige Stelle suchte, vernahm ich ein wohlbekanntes Platschen. Aha, die Jagd hatte begonnen, vielleicht doch Forellen. Meine Hoffnung stieg und der Blutdruck auch. Ich warf in die entsprechende Richtung, kurbelte zurück, nichts. Na wer kann schon beim ersten Versuch Erfolg erwarten? Ich machte weiter, fischte alles sorgfältig ab, dann zogen wir zur nächsten Stromschnelle ein Stück Fluss abwärts. Auch hier einfach forellenverdächtig: ein Stück harte Strömung, die in einem Gumpen endete, in dem sich das Wasser drehte. Ich warf aus. Inzwischen hatte ich einen Drei-Zentimeter-Schwimmwoppler montiert. Er imitiert eine winzige Forelle und fiel etwas unbeabsichtigt mitten in die härteste Strömung. Sie packte ihn und wirbelte ihn herum. Ein plötzlicher Ruck, ein Biss, die Rute zuckte, ich fieberte - die Rute bog sich und es begann ein harter, aber kurzer Kampf. Mit ächzender Rute holte ich den Fisch aus der Strömung, schon hatte Erik ihn im Kescher. Ein schöner Fisch, ca. 35-40 cm groß, schlank wie eine Forelle, ein Maul zahnlos wie das eines Karpfens, die Schuppen silbrig, keine Punkte, keine Fettflosse, also keine Forelle. Was aber dann? Ich versuchte alles, was ich je über Fische in Flüssen gehört hatte mir ins Gedächtnis zu rufen: Barben, Brackwasser, Brachsenregion, Forellen, Rapfen, Äschenregion. Viel zu viel und alles auf einmal und durcheinander kam mir in den Sinn. Langsam verschaffte ich mir einen Überblick und zwang mich zur Ruhe. Da war doch was, ganz hinten, in der finstersten Ecke, klang es immer lauter: Döbel. Döbel sind karpfenartige Fische, die im Fluss leben, daher die schlanke Form. Wenn sie größer werden, wechseln sie ihre Verhaltensweisen und die Nahrung, sie werden zu gierigen Räubern. Genau, passt ganz genau auf meinen Fang. Ich hatte also einen Döbel gefangen. Nun ja, nicht übel, jetzt war natürlich mein Jagdfieber endgültig erwacht. Gespannt wie ein Flitzebogen, voll konzentriert machte ich weiter. Schon flog der Woppler wieder, dem hatte ich solchen Erfolg gar nicht zugetraut, Woppler hatten bis dahin für mich nur etwas Theoretisches. Ich besaß zwar einige und zog sie auch mit schöner Regelmäßigkeit durchs Wasser, aber einen Fisch konnte ich bis zu diesem Tag damit nicht überlisten. Jetzt sah ich das gute Stück mit völlig anderen Augen und meine Zweifel zerstoben vollständig mit dem Ruck, den ich jetzt verspürte. Diesmal war es ein Barsch, der meinem Woppler nicht widerstehen konnte.
Wieder das Platschen, ein Stück flussabwärts. Das lockte mich natürlich hin, da schwamm eine kleine Schar winziger Fische kurz unter der Oberfläche. Sie schwamm auf der Stelle, immer gegen die Strömung gewand. Beleuchtet von den späten Strahlen der Sonne trieben sie ihr Spiel. Abendliche Ruhe legte sich vorsichtig über den Fluss, ich sah fasziniert dem Reigen der Fische zu. Mit welcher Leichtigkeit sie sich im Wasser bewegten, grazil und kraftvoll zugleich. Sie ließen sich spielerisch einer nach dem anderen ein Stück zurückfallen und kamen mit einigen lebhaften Schwanzschlägen an ihren Platz zurück, wie ein nicht enden wollender Tanz mit den Strömungen des Wassers im Fluss. Pfeilschnell tauchte aus den trüben Tiefen ein großer Döbel auf und schnappte einen der Tänzer und verschwand. Es war wie das Aufzucken eines Blitzes am abendlichen Himmel. Als wir uns vom Schreck erholt hatten, gab es nur noch einen Gedanken: Den müssen wir fangen. Aber wie? Her mit dem Woppler, schon tanzte er mit im Reigen der Fische. Für meine Augen sah er den echten Fischen täuschend ähnlich, Farbe, Größe, sogar die Bewegung imitierte er gut, dank der Strömung. Ich ließ ihn ein Stück abfallen, holte ihn wieder, die anderen Fische nahmen ihn ohne Bedenken in ihre Mitte. So spielte ich mit den Fischen wie ein Puppenspieler, es machte Spaß. Nur der Döbel schien das Manöver zu durchschauen, von ihm sahen wir nichts mehr an diesem Abend. So verließen wir im Halbdunkel unverrichteter Dinge unser dankbares, aber falsches Publikum.
Zum Abschluss waren wir noch einmal Richtung Verdun unterwegs. Wir wollten uns die Zitadelle anschauen, auf Plakaten wurde geworben: Erleben sie 30 Minuten pure Emotion in 6 Sprachen! Das klang ziemlich großspurig, wir würden sehen. Nun standen wir im Gang, hier wurden die Besucher nach Sprache sortiert und auf kleine Wagen gesetzt, mit denen sie dann durch die Zitadelle fuhren.
Erinnerung an eine Geisterbahn kamen auf, als wir hinter der Tür verschwanden. Empfangen von Dunkelheit und einer wohlklingenden Stimme, die kurz den Ausbruch des 1. Weltkrieges schilderte, war der Vergleich vergessen. In den nächsten 30 Minuten fuhren wir durch eine unterirdische Welt des Krieges. Wieder belebt durch eine einmalige Multimedia–Inszenierung. 30 Minuten Emotion: keine leere Versprechung.
Auf den Rückweg besuchten wir das Denkmal, in dem die Gebeine von 130.000 unbekannten Toten aufbewahrt werden, es liegt mitten in den ehemaligen Schlachtfeldern, hier tobte der Krieg grausam und mörderisch, hier wurde jeder Meter mit Blut erkämpft und durchtränkt. Der gesamte Wald zerfurcht, Trichter an Trichter, durchzogen von Schützengräben. Wenn man genau hinhört, hört man die entsetzte Stille, die nach dem Verstummen der Schreie der Sterbenden das Land ergriffen hat. Der Kanonendonner scheint eben erst verzogen.
Immer und immer wieder die schreiende Frage: Warum? Warum zwanzig Jahre später wieder? Hat dies hier alles nicht gereicht? Millionen Tote konnten den nächsten Krieg nur verzögern!
Und heute, sechzig Jahre später? Es wird wieder Krieg geführt, wieder wird der Krieg salonfähig, sogar für nötig erklärt. Noch wird er nicht bei seinem hässlichen Namen genannt, noch heißt es "Militärische Lösung", "Militärschlag". Selbst der Tod wird geschönt mit den Worten "Kollateralschaden" oder "ausgeschalteter Feind". Es geht langsam und schleichend, der Hass, Wegbereiter und Begleiter seines Bruders Krieg, setzt sich fest in den Köpfen und Herzen der Menschen.
Natürlich wollten wir etwas Wein mit nach Hause nehmen, fleißig hatten wir getestet und nun eine genaue Vorstellung von dem Wein, den wir mitnehmen wollten. Doch wussten wir nicht mehr, in welchen Supermarkt wir ihn erstanden hatten. Nachdem wir die üblichen Verdächtigen wie die auch hier vorkommenden Aldi und Spar ausgeschlossen hatten, schlenderte ich durch die Regale von Inter Marché. Hier gab es alles, Babysachen, Käse und Wein. Zufällig landete ich in der Werkzeug- und Gartenabteilung und betrachtete interessiert die Werkzeuge und Gartengeräte, die hier feil geboten wurden. Langsam bewegte ich mich vor einem langen Regal. Ein mitten in dem Arrangement aus Spaten und Haken auftauchender Kühlschrank machte mich stutzig. Der Inhalt ließ mich nach Luft schnappen.
Der Kühlschrank war voller Schachteln mit Maden und Tauwürmern. Fast zwei Wochen hatte ich nach einer derartigen Gelegenheit Ausschau gehalten, immer und überall suchte ich einen Angelladen, doch die, die ich fand waren geschlossen oder hatten keinen Kühlschrank. Und hier, mitten im Supermarkt, fand ich einen Tag vor meiner Abreise diesen Kühlschrank. Mit dem Spaten hatte ich nach Würmern gegraben, hatte den Bauern bestimmt etwas zu denken gegeben, wie ich so im Wald und am Straßenrand buddelte, und der Erfolg dabei war auch äußerst mager, und hier hatte vor meiner Nase dieser Schrank gestanden und ich war mindestens zweimal daran vorbeigelaufen. So ein Mist. Nachdem ich mich etwas vom Ärger erholt hatte kaufte ich je eine Dose Maden und Tauwürmer, um wenigstens den letzten Abend auszunutzen.
Natürlich fing ich nichts. Irgendetwas ist eben immer falsch, die falschen Köder, das falsche Wetter, die falsche Jahreszeit, der falsche Wasserstand, und doch, aufgeben kommt nicht in Frage. Und wenn den Fischen noch so viele Ausreden einfallen, ich werde es immer wieder versuchen, sie zu überlisten, auch bei falschem Wetter!
Mit einer ruhigen Rückfahrt beendeten wir einen beeindruckenden Urlaub und nahmen uns vor sie wieder zu besuchen, unsere "Feinde".
