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Romanische Kunst und epische Lebensform
Das Weltgericht von Sainte-Foy in Conques-en-Rouergue.

von Reinhart Strecke

Lukas Verlag

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Frankreich, Jakobsweg GR5

von Birgit Götzmann

Stein (Conrad)

Reiseberichte

Conques - Traum oder Wirklichkeit

Reisebericht
Vor Jahren sah ich einen Dokumentarfilm über die Kirche Sainte-Foy in Conques. Der Film beeindruckte mich so sehr, dass ich meinen Atlas nahm und den Ort auf der Karte von Frankreich suchte. Conques war tatsächlich eingezeichnet, weitab der großen Städte, am Rande des Zentralmassivs. Ein weiterer nicht zu verwirklichender Traum, dachte ich, als ich den Atlas wieder ins Buchregal legte. Doch ich irrte mich. Zwar floss noch viel Wasser den Dourdou hinunter, aber ich kam nach Conques.

Meinen Ruhestand begann ich mit einem Seminar "Pilgern: äußerer Weg, innere Wandlung". So kam ich nach Conques. Zehn Tage lang war Conques kein Traum, sondern Wirklichkeit, als ich es verließ, gerann es in meinem Inneren zu einem magischen Bild, das ich mir erwandert habe, treppauf, treppab auf feldsteingepflasterten Pfaden und über steile Treppen, Himmelsleitern.

Die Annäherung war abenteuerlich. Ich stand mit meinem Reisegefährten drei Stunden im Stau. Unsere vom ADAC aufgezeichnete Route endete in Espalion. Als wir dort ankamen war es stockfinster und weit und breit war keine Ausschilderung nach Conques zu entdecken, obwohl es ganz in der Nähe sein musste. Wir fragten schließlich einen jungen Mann, der uns über eine Brücke in die Berge schickte. Wie in einem Labyrinth entfernten wir uns vom Ziel und fuhren in Serpentinen einen Berg hoch. Im Licht der Scheinwerfer erschien schließlich ein Hinweisschild "Restaurant". Das Restaurant hatte geschlossen. Ein letztes Haus und dann nur noch Finsternis. Wir kehrten um, denn ich hatte in diesem letzten Haus ein Licht gesehen. Wir wurden schon erwartet. In diese abgelegenen Bergwälder verirrt sich wohl nicht so oft ein Auto, schon gar nicht in der Dunkelheit. Ein einfacher Mann mit einem Lächeln voller Zahnlücken, für uns ein Engel, beschrieb uns mit viel Geduld und Eifer den Weg nach Conques.

Wir tauchten wieder in die Dunkelheit der Wälder ein. Nach fünfundzwanzig weiteren Kilometern und vielen labyrinthischen Windungen lag Conques vor uns. Über den Kirchtürmen stand die Venus. Die Kirche lag wie ein vom Himmel gefallenes Schmuckstück im Tal. Seinen Namen hat Conques dem muschelförmigen Platz vor seiner Kirche zu verdanken (lat. concha = Muschelschale). Die Jakobsmuschel trugen und tragen die Pilger sichtbar am Hut oder an einem Band um den Hals, um als Pilger auf dem Jakobsweg erkannt zu werden. Das Dorf mit seinen Fachwerkhäusern unter Schieferdächern schmiegt sich um diese Muschelschale vor der Kirche und klettert an den Hängen der Berge hoch.

Conques - Zeichnung: Elke Tegtmeyer

Wir parkten das Auto an der Porte de Vinzelle, trauten uns nicht, durch das schmale mittelalterliche Tor zu fahren. Unsere Koffer rumpelten durch enge Gassen und über steile Treppen. Wir fürchteten, das verwunschene Dorf aus seinem tausendjährigen Schlaf zu wecken. Schließlich fanden wir die Pilgerherberge.

Conques ist ein zeitloser Ort am Weg nach Santiago de Compostela, zu dem sich von der Bogenbrücke der Pilger im Tal ein Weg hinaufzieht und um die Kirche herumführt. Ein Weg wie die Windungen eines Schneckenhauses. Es war überwältigend, auf den Spuren der Pilger unterwegs zu sein.

Wir wohnten im "Herbergement Hôtes et Pèlerins". Das Gebäude hat einen Innenhof, in dem immer Rucksäcke und Wanderstäbe zwischen Oleandertöpfen und Geranien standen. Von diesem Innenhof führt eine Wendeltreppe zu den Schlafräumen. Die Pilger kamen gegen Abend an und zogen am Morgen weiter. Wir blieben. Wir frühstückten mit den Pilgern, mit denen wir auch zu Abend gegessen hatten, am nächsten Abend saßen uns andere Menschen gegenüber, die in einer anderen Sprache mit uns ins Gespräch zu kommen versuchten. Wir sind alle auf der Durchreise, ob wir einen Tag oder zehn Tage bleiben. Der tiefe Ton der Kirchenglocke zog mich in seine Vibrationen und strukturierte meine Zeit. Blendende Helle, die die Unebenheiten und Dellen der grünen Berge ausleuchtete, bröckelndes Gemäuer, wuchernde Blumen, schwingender Efeu und rankendes Geißblatt. Schatten wanderten über Dächer und Mauern, aus einem geöffneten Fenster klang Flötenspiel. Ich fühlte mich wie zwischen den Seiten eines Märchenbuches, oder wie in einen tiefen Brunnen getaucht, Jahrhunderte tief.

Wechselnde Pfade,
Schatten und Licht:
Alles ist Gnade;
fürchte dich nicht.

Orte haben ihre eigene Ausstrahlung, die wir erspüren, oder auch nicht. Die durchziehenden Pilger haben Conques geprägt und Conques hat die Pilger geformt. Die goldene Reliquienstatue der Heiligen des Ortes, der Namenspatronin der Kirche, Sainte-Foy, wurde 866 von den Mönche aus Aven in Aquitanien geraubt. Die Heilige Foy war ein zwölfjähriges Mädchen, das, weil es seinem Glauben nicht abschwören wollte, über einem Gitter geröstet wurde. Majestätisch thronte die Heilige und hypnotisierte mich mit ihrem starren Blick aus edelsteinernen Augen. Wie viele Pilger haben sich faszinieren lassen, sich ihrer Fürsprache versichert und sind weiter gezogen. Um die Kirche herum liegen wie leere Schoten alte, bemooste Steinsärge und erinnern daran, dass wir alle nur Durchziehende sind.

In der Morgendämmerung ging ich wie im Traum die Wendeltreppe hinunter und über den unebenen, steinigen Pfad zum Kirchenportal mit dem Tympanon des Letzten Gerichts. Ich öffnete die kleine, in die große Tür eingelassene Pforte und wanderte das Kirchenschiff entlang, um vor einer der Kapellen, dem Altar oder dem Taufbecken zu meditieren. Später nahmen wir an der Laudes der Mönche teil. Die Mönche bezogen uns in ihre Andachten mit Lesung, Gebet und Gesang ein. Die Tage endeten mit der Complet, an der die im Laufe des Tages angekommenen Pilger teilnahmen. Sie hatten eine warme Mahlzeit bekommen, würden ein Bett für die Nacht haben und nach dem Frühstück am nächsten Morgen, versehen mit dem Segen der Mönche und einem symbolischen Stück Brot, nach dem Hunderte von Kilometern entfernten Santiago de Compostela weiterziehen. Nach diesen Zeiten in der Kirche am frühen Morgen und späten Abend sehne ich mich.

Wir durchstreiften auf steinigen Pfaden den Wald. Viele pilgernde Füße haben im Laufe der Jahrhunderte Mulden in den Fels getreten. Meine Füße in sie zu setzen, gab mir Halt und verband mich durch die Zeiten mit den Menschen, die hier heraufgestiegen sind. Ich "sah" die erschöpften Pilger des Mittelalters. Sie sahen sich noch als Pilgernde auf ihrem Lebensweg zum Himmel. Wenn sie Sainte-Foy erreichten, muss es ihnen wie das himmlische Jerusalem erschienen sein. Vor mir waren Pilger hier gegangen und nach mir würden Menschen diesen Weg gehen. Das in der Complet gesprochene "pour les siècles des siècles" wurde so für mich lebendig.

Die Kirche Sainte-Foy ist lichtdurchflutet. Vor einigen Jahren schuf der abstrakte französische Maler Pierre Soulages 104 Glasfenster für diese romanische Kirche. Er stammt aus der näheren Umgebung und Conques war für ihn voller Kindheitserinnerungen. Die Fenster sind aus einem milchigen, von Soulage entwickelten Werkstoff. Ihr bleigefasstes Linienspiel hindert das Licht nicht durch das Kirchenschiff zu wandern. Es kommt mit dem Aufgang der Sonne und gibt dem Raum, aber auch den vorüberziehenden Stunden Struktur. Wo Licht ist, fallen auch Schatten. Die Schatten müssen ausgehalten werden.

Unvergesslich ist mir der Morgen, als ich beim Verlassen der Kirche nach der Meditation am Türgriff hängen blieb. Ich kam mit dem Tagebuchschreiben nicht mehr hinterher und wollte die Laudes auslassen. Sofort dachte ich: Greift Gott nach mir? Mit dieser Frage beschäftigt, befreite ich mich, ging die erste Stufe hinunter, nahm die zweite nicht wahr und fiel auf meine Knie. Eine kurze Zeit blieb ich benommen liegen. Der muschelförmige Platz war leer. Die Fenster der mittelalterlichen Fachwerkhäuser blinzelten unbewegt im Morgengrauen. Ich kam mühsam auf meine Füße und humpelte davon. Mir kam der Verdacht, dass das Geschehen mit meinem "Ich will!" zu tun haben könnte. Ich stolperte weiter und schlüpfte durch den Hintereingang wieder in die Kirche.

Conques - Zeichnung: Elke Tegtmeyer

Die Menschen heiligen die Kirchen. Der Raum redete zu mir, erzählte von den Mönchen, von der durch ihn hindurchgezogenen Schar der Pilger, von der schwarzen Pest, vom Hundertjährigen Krieg, der Vernachlässigung der Ordensregeln, von Plünderung und Brandstiftung. Das Ende der Klosterkirche schien mit der französischen Revolution gekommen zu sein. Das Kirchenschiff hat auch zu dem Schriftsteller und Generalinspektor des Amts für Denkmalpflege, Prosper Mérimée, gesprochen. Die Renovierungsarbeiten begannen 1837. Mönche und Pilger kamen zurück.

Es gibt eine Kirche in der Kirche. Zwei "Himmelsleitern" führen zu ihr hinauf. Im Mittelalter schliefen unter diesem Forêt des Chapiteaux die Pilger, wenn das Herbergement Hôtes et Pèlerins keinen freien Raum mehr hatte. Wir durften in diesem Wald spazieren gehen und waren den romanischen Kapitellen ganz nahe. Die Menschen des Mittelalters verstanden diese Bibel der Armen noch zu lesen. Dort oben sangen wir und brachten den Gesang, die Gebete, die Klagen und den Dank, die sich im Laufe der Jahrhunderte im Kirchenschiff angesammelt haben, zum Klingen.

Die Wendeltreppe der Pilgerherberge, die ich die ersten Tage so mühsam und außer Atem erklomm, stieg ich inzwischen wie in Trance hinauf und hinunter. Es gibt unzählige steile Treppen in diesem verwunschenen Dorf. Ich "sah" Engel, die all diese Treppen auf- und niederstiegen. Das war nicht so unwahrscheinlich, denn schließlich waren wir auf dem Jakobsweg, auch wenn dieser Jakob nicht der Jakob des Alten Testaments ist.

Conques - Foto: Elke Tegtmeyer

Der Genius Loci inszenierte den Abschied von Conques. Wir waren in ein schlafendes Dorf gekommen und verließen ein schlafendes Dorf. War also alles nur ein Traum gewesen? Aus dem Tal zogen Nebelschwaden hoch und kreisten um Sainte-Foy. Es fiel mir schwer, diesen magischen Ort zu verlassen. Am liebsten hätte ich die Kirche, die die Nacht hindurch offen steht, noch einmal durchschritten oder wäre wenigstens um sie herum gewandert.

Mein Reisegefährte war falsch informiert, als er beschloss, Conques nicht über die Brücke der Pilger zu verlassen, sondern über den Weg, den die Pilger nehmen, wenn sie weiterziehen. Die spiralige Spur gab uns nicht frei. Wir erschreckten die Hasen und in den kleinen Ortschaften, keine war auf unserer Landkarte verzeichnet, die Katzen. Als die Berge uns entließen und wir die Brücke aus dem dreizehnten Jahrhundert sahen, die sich in drei mächtigen Bögen über dem Spiegelbild der Häuser von Espalion wölbt, war es hell geworden.