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Poetische Topographie

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Was ich in Wien sah und hörte

Dass ein Sack Kohlen für fünf Euro zu haben ist und ein Sack Holz für nur vier. Drei Liebesromane für einen Euro dazu macht einen warmen Abend hinterm Ofen für lächerliche zehn Euro. Umsonst ist ein Schluck Wasser an einem Labtrunkbrunnen und wessen Kleider schmutzig geworden sind, der bringe sie getrost in die Putzerei. Beim Uhrmacher Gross hängt im staubigen Schaufenster ein Schild, das besagt: The noblest of all the dogs is the hot dog. It feeds the hand that bites it und im Literaturatelier Sowieso gibt an jedem Montagabend der Oberkellner den Narren. Riesige Scheiterhaufen mit Erdbeersoße serviert Herr Otto im Café Korb in der Brandstätte, wo tagaus tagein die Frau Chefin im weißen Hosenanzug (sie hat gelebt, oh ja, man sieht es ihr an!) unter ihrem ovalen Jugendbildnis mit wohlfrisiertem Pudel als ihr eigenes memento mori thront. Am Nebentisch versucht ein Mensch mit abstehenden Ohren, sich einer Asiatin zu nähern. Du siehst viel jünger aus als du bist, sagt er zu ihr, dann erst erinnert er sich daran, sie noch gar nicht nach ihrem Alter gefragt zu haben, was er jedoch sogleich nachholt, viel jünger, sagt er noch einmal, viel jünger auf jeden Fall. Ein Bild hängt schief über ihrem schwarzen, glänzenden Haar und seinen feuerroten Ohren. Herr Otto ist sehr geduldig und antwortet einer Amerikanerin in schönstem Wiener Englisch, und die abstehenden Ohren halten einfach nicht ihren Mund. Jetzt oder nie. Du bist der oder die, bei dem oder der es möglich, beziehungsweise unmöglich wär’. Meistens unmöglich, lehrt die Erfahrung und schreien mir die Bilder von Xenia Hausner ins Gesicht. Meistens unmöglich. Ich spüre noch lange die Faust in meiner Magengrube. Meistens unmöglich. Mach dir nichts vor. Aber die abstehenden Ohren lassen sich trotzdem nicht beirren, und überhaupt die Frau Chefin, ja die hat ihre Chancen gehabt! Und hat sie vielleicht heute noch. Auf jeden Fall begrüßen alte Herren sie mit Handkuss, und für Herrn Otto bin auch ich die Madame. Auch ich habe meine Chancen gehabt und allesamt verspielt! Ach, am liebsten würde ich überhaupt in alle Ewigkeit an diesem schäbigen Tischchen sitzen bleiben, eine Melange nach dem anderen schlürfen und Zigaretten rauchen und Scheiterhaufen vertilgen.


In Vasen welken Tulpen. Ein Mensch isst ein Wiener Würstchen mit Senf. Die abstehenden Ohren sind gebürtig aus Niederösterreich. Muss man wirklich immer alles ausplaudern? Alles? Noch den letzten Rest?


Frau Chefin, zu ihren besten Zeiten, wäre wohl lieber im Geheimnis geblieben. Männer und Pudel flogen ihr zu, so zumindest stelle ich es mir vor. Da fragen die abstehenden Ohren mitten in meine Romantik hinein, wie viel die Asiatin für ihre Wohnung in der Südstadt bezahlt und finden den Mietzins weder teuer noch billig. Xenia Hausner sagt: unmöglich, ihr könnt euch nicht lieben, es geht ja doch nicht gut. Oder ihr müsst einen viel höheren Preis dafür bezahlen als den für eine Mietwohnung in der Wiener Südstadt. Frag sie etwas anders, frag sie etwas, was du noch niemals eine Frau gefragt hast. Heut ist der Tag aller Tage, denke ich so intensiv ich es vermag in Richtung des unglücklichen Niederösterreichers, der es doch einmal auch wissen möchte. Am nächsten Tisch hat eine ernsthafte junge Frau große Herausforderungen zu bewältigen. Ihr Gegenüber trägt eine bunte Baseballkappe. Das sind so die Möglichkeiten. Niemals ist für niemanden der Tag aller Tage.Vielleicht war der Tag aller Tage derjenige, an dem die Frau Chefin so verführerisch lächelte, dass alle Pudel von Wien mit einem Schlage zu kläffen aufhörten und sie alle Männer dieser Welt hätte haben können, wenn sie nur mit den Fingern geschnippt hätte. Und, hat sie?


Hunde sind in diesem Lokal ausnahmslos am Boden zu halten, besagt ein vergilbtes Schild neben der Tür.


Aber das Glück gibt es doch in Wien, wenn auch nicht gerade in der Ungarngasse. Da torkeln nämlich Hand und Hand zwei ältere Herren durch den einfallenden Abend und sehen so verliebt aus, wie man nur verliebt sein kann, wenn man alles abrechnet, was nicht geht, weil es eben nicht gehen kann.