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Poetische Topographie

Gedichte und erzählende Texte

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Poetische Topographie

Miedzyzdroje gesehen

Part one. Und Part two.


Miedzyzdroje gesehen. Part one.


Alles wie im letzten Jahr, nur.

Das Bier schmeckt nicht mehr, der sensible Magen beschwert sich über Fastfood und Grillgut. Das durchgelegene Bett verursacht Rückenschmerzen und knarrt bei jeder Bewegung, die Luft im Häuschen ist muffig und verbraucht, einer hat seine mit Waldboden gefüllten Schuhsohlenrillen auf den Teppich entleert. Die Gemeinschaftstoiletten sind irgendwie alt und schmutzig, zwei Türen weiter hängt der Duschkopf traurig gesenkt an der zersplitterten Fliesenwand. Wespen übernehmen die Tages-, Mücken die Nachtschicht. Der Urlaubsort ist menschenvoll, das Durchschnittsalter wieder gesunken, schöne polnische Frauen haben hässliche Männer oder ordinäre Männer oder reiche Männer, die ordinär oder hässlich sind. Ein Kampfhund springt in die Pfütze, ein Bierbauch schiebt sich in die Ostsee. Im Wasser schwimmen seltsame Sachen, Familienmütter disziplinieren ihre Kinder, schimpfen, wenn sie fallen. Die aufreizend gekleidete Tochter hat sich davongestohlen und flirtet mit einem zehn Jahre älteren Mittelklassewagenbesitzer. Unsere Augen sehen das, unsere Münder reden darüber. Von intellektuell bis ordinär, wir beschreiben doch nur.

 

Mit dem Regen flüchten sich die Menschen in die kleine Ladenzeile, durch die man gehen muss, um auf die Mole zu gelangen, die man verlängern möchte um die Potenz des Ortes zu steigern. Fünfjährige sitzen in einer Spielhölle und erschießen virtuelle Monster.

 

Nein, auch dieses Bier bekommt uns nicht.

 

Ein Zettel liegt am Abend vor der Haustür. „I love you german boy! Polish girl next door“ und drei Kussmünder darauf. Der Zettel wird gefaltet und zum Reinigen der mit Waldboden gefüllten Schuhsohlenrillen verwendet – vor der Tür. Auf der Aluminium-Grillschale brutzeln dicke Würste, der Kassettenrecorder hängt im gekippten Fenster und räuspert sich, dann erklingt die tote Stimme des kiná-Sängers aus der Plastikschachtel (prohozhiy). Von den Bäumen fallen manchmal dicke Regentropfen und zerschellen auf unseren Köpfen. Durch den Wald ziehen Schwaden von Feuchtigkeit und Rauch, manchmal drückt ein Bass auf das Herz. Irgendwer feiert lauter.\r\nWenn das Koma mit dem Ladenschluss des Alkoholgeschäftes um zwei Uhr nachts eintritt, dann gehen wir vielleicht an den Strand. Er ist dann leer und weit. Und wir entschließen uns, nackt in die Fluten zu springen.

 

Wir kommen schon irgendwie zurück.

 

Wie im letzten Jahr. Nur.

 

älter werden wir.


Miedzyzdroje gesehen. Part two


Mach’ mich braun, so wie die anderen, verdammte Sonne! Jetzt versteckst du dich schon wieder!

 

Gehört. Sie schlägt die Augen wieder auf. Es ist warm im Licht. Wir gehen weiter.

 

Dort, wo der Berg aus Sand liegt und Kiefern sich in Herbststürmen die Klippen hinunterstürzen, kauern einige wenige Fischerboote auf der Schorre. Es riecht nach Fisch, nicht mehr nach Hugo Boss und Zuckerwatte. Einige Menschen haben sich zwischen Bootsschuppen verfangen und reparieren die schweren Netze, ein polonez stolpert den schlaglochreichen Weg hinauf.

 

Uns kommt eine Gruppe Schüler entgegen. Die Mädchen und Jungen sind in Zweierreihen geordnet und singen mit einer Stimme polnische Weglieder. Ein paar Meter weiter werden sich die Reihen auflösen, die Taschen in den Sand fallen, Bälle werden über den Sand huschen, Drachen in den Himmel aufsteigen. Die Stimme zerfällt in ein aufgeregtes Durcheinander, die Kinder verwandeln sich wieder in normale westliche Jugendliche, lachen, kreischen und telephonieren. Da wir Männer sind, kreisen unsere Blicke um die Körper der drei Lehrerinnen, die allesamt noch recht jung sind. In ihren Blicken wirken sie streng bis abwehrend. Wir gehen weiter.

 

Zu den Hotdogständen ist es nicht weit. Erste Touristenschläuche ziehen sich die Straße entlang. Eis, T-Shirts, Schaschlik, Schmuck, Henna-Tattoos, Postkarten ... wir wählen eine Pastete, die sich anschließend als sehr fettig auf dem Teller präsentiert. Einige hundert Meter weiter biegt eine leere Seitenstraße ab, der wir folgen. Bis zum Bahnhof wollen wir gehen, denn von der dortigen Gegend aus hat man einen guten Überblick über den nördlichen Ausläufer der Insel Wolin.