
Wies und Fringo auf der Reise
Erzählung
Das Wies ging langsam an der Fensterfront entlang, gemächlich einen Fuß vor den anderen setzend. Seine Blicke schweiften dabei hin und her: Manchmal zu Boden, wo sich die Füße bewegten, manchmal durchs Glas hinaus auf die Straße und den dahinter liegenden Sportplatz. Dann wieder wanderten seine Blicke über die Reihen der sitzenden Schüler, jeder zweite Platz frei. Vor den besetzten lagen Papierbögen mit vorgedruckten Fragen, aber natürlich noch ohne Antworten. Das war ja eine schriftliche Prüfung, und die Fragen hatten die Schüler einzusetzen, da sie auf eine positive Note angewiesen waren.
Das Wies umwanderte das ganze Klassenzimmer und ließ die Blicke weiter schweifen. Sein Haar war schon deutlich angegraut, seine Nase war von jener Art, die einem Vogelschnabel ähnelt, seine Augen waren durch zwei Brillengläser vergrößert. Die Stirn lag in Runzeln, der Kopf war leicht gebückt. Es war so still im Raum.
Fringo atmete langsam ein, er hatte alle Nervosität verloren, er fand es ... ja wie eigentlich? Er fand es ... schön hier. Er spürte beim Anblick des weißen Papiers vor ihm einen Hauch von Freude, es war so unberührt und rein. Nichtsdestotrotz verstand Fringo die Fragen nicht. Er schaute nach links und sah über den unbesetzten Platz hinweg seine Sitznachbarin mit der linken Hand ihre Brille zurechtrücken, während ihre Rechte den Kugelschreiber über das Papier führte. Fringo sah Kolonnen von winzigen Zeichen entstehen, und dann wendete das Mädchen das Blatt Papier, um auf der Rückseite weiterzuarbeiten.
Fringo schaute nach vorne und bemerkte, dass das Wies ihm gegenüber stand. Auch er trug seine Brille und seine aufgeblasenen Augäpfel waren auf Fringos jungfräulichen Prüfungsbogen geheftet. Fringo verspannte sich unwillkürlich, weil er irgendeine Bemerkung des Wieses erwartete, etwas Bedauerndes vielleicht, oder etwas Sarkastisches oder vielleicht sogar etwas hilfreich Gemeintes. Das Wies aber schwieg unter den Falten seiner Stirne und starrte auf das Papier.
Fringo schaute auch wieder darauf. Er machte eine unsichere Bewegung mit dem Kugelschreiber in der Hand dann setzte er ihn aufs Papier. Dort verharrte er für einen Augenblick am Punkt, dann zog die Spitze sehr, sehr langsam los: Ein Bogen, ein längerer Bogen, ein Halbkreis, ein Kreis. Fringo zog den Kugelschreiber weg, blieb mit dem Blick aber in der Mitte des Kreises hängen. Fast wie ein Tor erschien er ihm, das man durchschreiten konnte, und besser gesagt: Durch das man ganz von selber ging, wenn man sich nicht dagegen wehrte.
Dahinter war ein schütterer Wald, durch dessen Blätterdach ein zweiter Wald, aus gleißenden Lichtstrahlen, bis auf das Moos oder Dickicht des Bodens wuchs. Durch dieses Flechtwerk geisterten die leisen Klänge einer idyllischen Natur. Fringo ging einen Pfad entlang und hinter ihm marschierte ein Kid, etwa von seinem Alter. Oder wirklich? Nein, er selber war ja schon alt. Er fuhr sich mit der Hand ins Gesicht und meinte dort Falten und Bartstoppeln zu spüren. Sein Rücken tat ein klein wenig weh. Und der Junge hinter ihm war verunsichert, von seiner spitzen Nase fiel ein funkelnder Tropfen, er war wohl auch noch verkühlt.
Fringo hatte sich im Gehen umgewandt und fragte mitfühlend: „Bist du schon müde?”
Der Junge schüttelte als stumme Antwort den Kopf.
Fringo nickte, und meinte wieder nach vorne gewandt: „Wir sind eh gleich da ...”
Und tatsächlich erreichten sie nach etwa einer halben Sunde einen Bereich des Waldes in dem die Stämme besonders sparsam gesät waren, aber die Räume dazwischen waren mit Unmengen von winzigen rosafarbenen Blüten überschüttet.
Fringo sagte: „Hier ist die Reise zu Ende, Wies! Sammle den Plastiksack voll mit den Blüten und wenn du wieder zu Hause bist, koche dir einen Tee daraus. Du wirst dich Morgen fühlen wie ein neuer Mensch.”
Das junge Wies sagte leise: „Danke.” Er zog den Plastiksack hervor und machte sich an die Ernte.
Fringo setzte sich nieder und versank im Anblick der Blüten. Ihre Farben wurden dabei langsam heller bis sie fast weiß waren, weiß wie Papier, und außen herum war ein blauer Kreis gezogen.
Fringo blickte vom Papier auf und sah das Wies, wie es immer noch auf sein Papier starrte, das jetzt neben den Fragen zumindest auch einen Kreis aufzuweisen hatte.
Das Wies hob langsam den Kopf und sah Fringo in die Augen. „Danke füs mitnehmen”, sagte er leise und Fringo fiel auf, dass die Falten von der Stirne des Lehrers verschwunden waren.
„Ich weiß nichts”, sagte Fringo.
„Ja, ja, ich sehe”, nickte das Wies und ging vorsichtigen Schrittes weiter. Er umrundete Fringos Tisch, blieb hinter Fringos noch immer eifrig schreibenden Nachbarin stehen und lugte ihr über die Schulter.
