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Kleine Erdkunde

Weihnachten in Palästina

Bild: Norbert Suchanek

Unterwegs im Land der Intifada

 

Jerusalem, 25.12.1989. Vor einem kleinen Café in einer Seitengasse der Via Dolorosa und damit weitab vom ewigen Strom der Pilger und Touristen. Der palästinensische Wirt setzt das silberne Tablett mit dem süßen Tee und dem obligatorischen Glas Wasser auf einem Hocker neben mir ab. Ich danke ihm. Dann bin ich wieder allein, lehne mich zurück und die wohlige Sonne des Vormittags liegt wieder auf meinem Gesicht, durchleuchtet meine Lider und den rauchenden Tee. Er hat die Farbe eines leichten Rotweines. Während sein heller Schatten wie der Fleck eines vergossenen Rosés ist. Im durchsichtigen, von den Schlieren des Zuckers durchzogenen Rot treiben Minzblätter schwerelos und dunkel. Der Muezzin ruft gerade zum Gebet. Es ist das zweite Mal an diesem Tag nach Weihnachten. So habe ich noch Zeit. Erst beim dritten Mal werden Geschäfte und Cafés geschlossen und das Leben ganz plötzlich aus den palästinensischen Gassen verschwunden sein. Intifada, sagen die Palästinenser.

 

In allen Städten und Dörfern der Westbank und Gaza herrscht dann eine Stimmung wie im Edelwestern High Noon: einsame, verwaiste staubige Straßen, die Läden der Geschäfte heruntergelassen. Jemand hat sie mit arabischen Schriftzeichen und Kampfparolen bemalt und immer wieder übermalt. Neugierige Mädchengesichter hinter halb geöffneten Fenstern. Gruppen von dunkelhaarigen Männern, die an kahlen Hauswänden lehnend patrouillierenden Soldaten nachschauen, während die Holzperlen ihres Tasbih, des islamischen Rosenkranzes unbewusst durch ihre Finger gleiten. Unendlich leere Straßen in der eine totengleiche Ruhe liegt, die einen unruhig macht.

 

Auch gestern, am 24. Dezember war es so gewesen. Ein ganz normaler Intifada-Tag? Nicht ganz, nicht überall. Denn es war Weihnachten. Und in Bethlehem, der heiligsten unter den heiligen Städten Palästinas, patrouillierten deshalb noch mehr israelische Soldaten als sonst. Hunderte, vielleicht Tausende? Hinter allen Häuserecken standen sie, auf allen Dächern der Stadt saßen sie, einfache Soldaten und Soldatinnen, Scharfschützen und Funker mit ganzen Funkstationen. Straßensperren verhinderten, dass Fahrzeuge ohne besondere Erlaubnis in die Stadt hineinfahren konnten. Bethlehem war eine belagerte Festung und die Geburtskirche ihr Zentrum.

Bild: Norbert Suchanek

Während die Erwartung der bevorstehenden Feierlichkeiten, vor allem aber das Warten darauf, dass irgendetwas oder auch nichts passiert, die Atmosphäre förmlich elektrisierten, war das uralte, von der Hitze des Sommers ausgedörrte Land zwischen Bethlehem und Totem Meer an diesem Weihnachtsnachmittag nur eine Ahnung am Ende einer Kette von sanften Hügeln. Es war unschuldig und unberührt von den Konflikten der Menschen, und Kargheit und Ruhe lagen über diesen Hügeln. Kargheit, die sättigt und Ruhe, die zufrieden macht. Diese sanften Hügel sind es, die den Charakter des Landes und seiner Menschen bestimmen. Hügel, immer wieder Hügel, terrassiert und bestanden mit alten, knorrigen Olivenbäumen und kahle Hügel mit einsamen Hirten, die mit ihren Schafen und Ziegen darüber hinwegziehen. Namenlose Hügel, auf denen die Zeit stehen geblieben ist. Nur auf dem einen Hügel nahe Bethlehem, den sie Felder der Schäfer nennen, war es anders. Dort hatten israelische Soldaten rund um einen Olivenhain Posten bezogen. Vor rund 2000 Jahren hatten dort Hirten von einem neugeborenen Kind erfahren. Doch die Soldaten waren nicht wegen dieses vergangenen Ereignisses gekommen, sondern weil sich hier am Spätnachmittag des 24. Dezember 1989 palästinensische Christen, Moslems, Christen aus aller Welt und auch israelische Juden zusammenfanden, um hoffnungsvoll auf einen schwarzen Mann zu warten: Auf Desmond Tutu, den Bischof der südafrikanischen Kirche und berühmten Friedensnobelpreisträger.

 

Schon als sich die Vorhut der Organisatoren den Weg durch die Menschenmenge bahnte, entfachte allein die Vorstellung des nahenden Tutu Begeisterung in der Masse dicht, Schulter an Schulter gedrängter Menschen, die bald vor Erwartung zu beben schien. ölzweige wurden geschwenkt. Und selbst die Soldaten, die zwar keine Kinder mehr waren, aber dennoch viel zu jung, um Soldaten zu sein, hielten ölzweige in den Händen, während ihre entsicherten Schnellfeuergewehre von ihren schmalen Schultern baumelten. Als schließlich die Nähe Desmond Tutus wie die bevorstehende Brandung einer Welle zu spüren war und die Erwartung ihren Höhepunkt erreichte, entlud sich die Spannung in lachenden, strahlenden, vor Freude weinenden Gesichtern. Sprechchöre und Gesänge ertönten. Freude und Begeisterung wandelten sich aber ebenso plötzlich wieder in Spannung und Erwartung, als der afrikanische Bischof endlich und fast demütig den Weg durch die Menge zu der Stelle fand, wo die Mikrophone standen. Die Menge verstummte. Inzwischen war die Sonne untergegangen. Ein sternenklarer Himmel breitete sich über die sanften Hügel des Heiligen Landes aus. Aber als dann Desmond Tutu das Mikrophon zur Hand nahm und sprach, war es, als würde dieselbe Sonne, die eben erst hinter den westlichen Hügeln Palästinas verschwunden war, in den Gesichtern der Menschen wieder aufgehen. Junge und Alte, Männer und Frauen, Reporter, wir alle hingen an seinen Lippen, seinen Augen, an seinen gestenreichen Händen wie an einem Tropf, saugten seine Worte auf wie das ausgedörrte Land den lang erwarteten Regen des Winters. Tutu redete von Südafrika, aber jeder wusste, dass er auch von Palästina sprach.

 

Es würde keinen Frieden geben ohne Gerechtigkeit, sagte er am Ende seiner Rede. Und er unterstütze den Freiheitswillen der Palästinenser genauso wie den Anspruch des jüdischen Volkes auf einen eigenen Staat. Die Rede des Südafrikaners war wie Balsam auf den Wunden derer, die Ungerechtigkeit ertragen, erleben mussten und noch immer müssen, und war wie eine Binde, die Christen, Juden und Moslems miteinander verband.

 

Plötzlich liegt sanft eine Hand auf meiner Schulter und unterbricht mich beim Schreiben. Es sei gleich zwölf Uhr, sagt der Wirt des Cafés, und es täte ihm sehr leid, er müsse jetzt schließen. Intifada? frage ich. Intifada, sagt er, und es klingt wie Inschallah in meinen Ohren. Ich trinke meinen süßen Tee aus, der schon kalt geworden ist und gehe. Hinter mir stellt der Wirt hastig das Tablett, die beiden kleinen Hocker und das Tischchen herein. Dann lässt er den Rolladen herunter.