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Kleine Erdkunde

Schönheit des Schlachtens

Wo in Florenz das Leben geblieben ist

 

Man kann nicht leugnen, daß Florenz eine Stadt von außerordentlicher Schönheit ist.


Alles ist schön in Florenz. Und der berühmte Dom ist sogar so schön, daß man ein spezielles Syndrom ausgemacht hat, das besonders reizanfällige Menschen wie eine Krankheit befällt. Man ist aber in Florenz auf solche Fälle vorbereitet und weiß, wie jene Unglücklichen, deren Verstand vor so viel Schönheit kapituliert, zu behandeln sind. Wahrscheinlich mit Tabletten – und schon sind die Affekte wieder im Lot. Wie es sich für einen echten Touristen gehört, erwirbt der Geheilte dann an einem Kiosk allerlei Postkarten, auf denen Fragmente des steinernen Zaubers verewigt sind. Im Kaffeehaus, das in Italien bar heißt und im Gegensatz zu jenem auf Schnelligkeit hin angelegt ist, kritzelt er rasch die üblichen Wendungen aufs Papier, doch ist er mit seinen Worten innerlich nicht recht einverstanden, was wiederum ein diffuses Unwohlsein in der eigenen Haut erzeugt: schließlich ist uneingeschränkte Begeisterung das Mindeste, was eine solch prächtige Stadt von einem solch unbedeutenden Besucher, wie er selbst einer ist, erwarten kann!


Zurück auf die Straße.


Knipsende Menschen allerorten, nur in einem selbst ist plötzlich der dunkle Drang, Ungebührliches zu tun, etwa eine Bananenschale, statt in den dazu vorgesehenen Mülleimer, fallen zu lassen, wo man gerade zufällig steht. Man möchte diese Stadt ein bißchen beschmutzen oder an ihrer überheblichkeit kratzen oder einfach eine schleimige Spur hinterlassen wie ein Wurm. Dabei möchte man am liebsten auch noch ertappt werden, um augenblicklich in die Verlegenheit zu geraten, sich für sein ungebührliches Verhalten mit einem flapsigen Spruch zu rechtfertigen.


Vielleicht unterläßt man es aber doch lieber, in kindischen Wendungen sein Niveau zu unterschreiten und begibt sich stattdessen schnurstracks in die Uffizien, die objektiv betrachtet eine der bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt darstellen. \r\nWas es hier zu bestaunen gibt, sieht man nicht alle Tage und infolgedessen nähere man sich diesen Räumen mit dem gebührenden Respekt: so der Reiseführer.


Säle voller Gemälde. Menschenmassen aus aller Herren Länder, die eigens gekommen sind, um diese Bilder zu betrachten. Aber was sie für teures Geld und endlosem Schlangestehen zu sehen bekommen sind nur die Blicke derer, die jene Bilder vor ihnen betrachtet und betrachtet haben. Dazu Sätze, die müden Museumsführern gedankenlos aus dem Munde stolpern: Cimabue war der Lehrer von Giotto und Duccio. Giotto wirkte in Florenz, Duccio in Siena. Beide gründeten Schulen, aus denen ihrerseits große und größte Maler hervorgingen, und so weiter, und so weiter.


Es nimmt in den Uffizien einfach kein Ende mit der Großartigkeit. Jeder Meister übertrifft seinen Vorgänger an technischem Geschick, dem gezielten Einsatz seiner Mittel und an Ausdruckskraft – ist die Lieblichkeit der Gottesmutter am Ende nicht der Frömmigkeit geschuldet sondern nur ein Vorwand, um die eigene Vortrefflichkeit unter Beweis zu stellen?


Zuerst erfindet man die Perspektive, dann zaubert man den individuellen Ausdruck auf das menschliche Antlitz, und gegen Ende des 14. Jahrhunderts gelingt das Jesuskind bereits fast genau schön und lebensecht wie seine Mutter. Da aber nichts schneller langweiliger wird als Meisterschaft, erweitert man die Szenerie und bildet im Hintergrund des heiligen Geschehens die gefällige toskanische Landschaft ab. Eine Zeitlang spielt sich dieser neue Stil so hin, dann hat auch er ausgedient, und man verlegt sich auf die griechische Mythologie: der Zeitpunkt ist gekommen, an dem man nach Jahrhunderten erzwungener Keuschheit endlich guten Gewissens den weiblichen Körper unbekleidet abbilden darf! Susanna im Bade, stolz von Spannern bespäht, der Raub der Sabinerinnen; natürlich lechzen die Sabinerinnen danach, von einer Bande bärtiger Männer geraubt zu werden: die Kulturgeschichte des Abendlandes ist ein Spaziergang durch den imposanten Bilderhain ausufernder Männerphantasien. Derweil ein Männlein mit traurigem Bärtchen seiner grauen Frau mit Fistelstimme von der Raffiniertheit der Pinselführung und der besonderen Erfassung der Baumkronen spricht.


Das sind die Uffizien. Die Erlesenheit ihrer Exponate liegt, wie die Schönheit der Stadt, die dieses Museum beherbergt, auf der Hand. Unmöglich, ihr zu entsprechen; man kann ihr nur widersprechen.


Die Frage, wohin sich hinter all den Idealisierungen eigentlich die Ursuppe des Lebens verflüchtigt haben mag, beantwortet die einzige Malerin, die Aufnahme in diese Sammlung gefunden hat: Artemisia Gentileschi (1593-1652).


Im allerletzten Saal der Uffizien hängt ein Bild von ihr, welches das bekannte Motiv von Judith und Holofernes auf seine Weise variiert. Anders als auf vielen bekannten Darstellungen zeigt Artemisia Judith nicht nach vollbrachter Tat triumphierend mit dem sauber abgeschlagenen Haupt ihres Peinigers, sondern sie zeigt Judith und ihre Magd bei der Arbeit des Schlachtens. Vergleicht man Judith mit dem einzig überlieferten Selbstbildnis Artemisias erkennt man in deren Zügen unschwer ihre eigenen. Beide Frauen haben, wie bei der Hausarbeit üblich, die ärmel ihrer weiten Gewänder hochgekrempelt. Die Anstrengung ist ihnen deutlich anzusehen, zugleich spiegelt sich jedoch Genugtuung in ihren Zügen, denn der bärtige Kopf des Mannes ist bereits zur Hälfte von seinem Rumpf getrennt; die Arbeit gleich erledigt.


Eine, wäre das Opfer ein Kaninchen und kein Mensch, alltägliche Küchenszene beschließt den Rundgang durch die Uffizien mit einem resoluten weiblichen Blick, in dem Theorie und Praxis des Lebens zusammenfallen: Schönheit des Schlachtens.