
Museo Gli Orsanti in Compiano, Italien
Museo Gli Orsanti
Maria Teresa Alpi
Via Costa 3
43053 Compiano (Parma), Italien
Tel.: 0525 825513 oder 0185 284612
Öffnungszeiten:
Juni bis September: Samstag und Sonntag 15-19 Uhr,
im August auch 21-24 Uhr
sowie nach Vereinbarung.
Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land.
Ich grenz, wie wenig auch, an alles immer mehr,
ein Böhme, ein Vagant, der nichts hat, den nichts hält,
begabt nur noch, vom Meer, das strittig ist, Land meiner Wahl zu sehen.
Ingeborg Bachmann, Böhmen liegt am Meer
Compiano ist ein Dorf in den Apenninen, unweit der ligurischen Küste im Val Taro gelegen, das man unmöglich findet, wenn man nicht ausdrücklich nach ihm sucht. Inmitten dicht bewaldeter Hügel verbirgt sich die mittelalterliche Festung vor allzu neugierigen Blicken als wolle sie eigentlich gar nicht entdeckt werden. Es ist einer der weniger spektakulären Landstriche Italiens: kein Michelangelo und kein Leonardo hinterließen hier unsterbliche Kunstwerke, sondern arme Bauern ernährten sich und ihre unüberschaubare Kinderschar jahrhundertelang notdürftig von Mais, Kastanien und Wurzeln. Weltgeschichte wurde hier virulent als eine Abfolge wechselnder Herrschaften – der Visconti, der Farneser, der Malaspina –, und der Kontinuität von Knechtschaft.
Doch haben die Menschen von Compiano mit Phantasie ihrer Erniedrigung durch die Armut getrotzt, haben aus der Not eine Tugend gemacht und sich kurzerhand selbst noch einmal erfunden: als Vaganten.
Seit dem 17. Jahrhundert nämlich reisten die Männer des Dorfes mit Tanzbären, dressierten Affen und Kamelen quer durch Europa, ja bis in die Türkei und sogar nach Amerika. Zunächst mit einheimischen Braunbären, später mit eigens zu diesem Zwecke auf internationalen Märkten erworbenen Tieren – Bären aus den Pyrenäen und Kamelen von der Halbinsel Krim –, beschickten die ehemaligen Bauern als Musikanten, Tierbändiger, Scharlatane und Quacksalber nun die Plätze und Jahrmärkte Berlins und Bukarests. Zu Fuß mit Handwagen waren sie unterwegs, und oft vergingen mehrere Jahre, bis sie, wenn überhaupt, ihre Heimat wiedersahen. Nur einige wenige kehrten als reiche Männer zurück, kauften ein Stück Land und wurden achtbar; die meisten Lebenslinien verlieren sich indes im Dunkel der Zeiten und Länder. So rasch wie sie auftauchen und ein Kaninchen aus dem Zylinder zaubern, so schnell sind sie auch wieder aus unserem Blickfeld verschwunden, die Vaganten aus Compiano: in leuchtend roter Fleck zwischen zwei Lidschlägen im Novembergrau.
Dabei ist es durchaus rätselhaft, wie aus bodenständigen und wortkargen Bergbauern ausgerechnet Illusionskünstler werden konnten, doch Not macht bekanntlich erfinderisch, und so wurde das Vagantenleben im Val Taro im Laufe der Zeit zu einer regelrechten Tradition, die sich bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts erhielt.
Dass die Geschichte der so genannten orsanti, der Bärenbändiger, überhaupt überliefert ist, verdankt sich dem leidenschaftlichen Einsatz der Malerin Maria Teresa Alpi, einer vitalen Frau undefinierbaren Alters, deren Vorfahren aus Compiano stammen und die in ihrer Kindheit noch von dieser Tradition gehört hatte. Vor drei Jahren entschloss sie sich, ihre private Sammlung alter Dokumente, Fotografien und Gegenstände zu einem Museum zu machen, das heute in einer ehemaligen Kirche im Zentrum des kleinen Ortes untergebracht ist. Von offizieller Seite, sagt sie, habe sie keine Unterstützung für ihr Anliegen erfahren, offenbar schämten sich die Einheimischen noch immer für den unwürdigen Broterwerb ihrer Vorfahren.
Es ist aber ein Glücksfall für das museo gli orsanti, dass die öffentliche Hand sich hier verweigert hat – können Museen von solch eigenwilligem, poetischem Charme doch immer nur dort entstehen, wo ein Einzelner seine Visionen zum Maßstab der Verwirklichung macht, statt notgedrungen Mehrheiten auf sich vereinigen zu müssen. So bizarr wie die Geschichte des fahrenden Volkes von Compiano ist denn auch das Museum, das Maria Teresa Alpis ganz persönliche Handschrift trägt. Da sind die lebensgroßen Pappmachéfiguren, die sie selbst gefertigt hat und die das Leben der orsanti darstellen. Die eigenwilligen bunten Leuchter einer Freundin, die wunderbare Skulptur eines tieftraurigen Pinocchio und natürlich die Originalrequisiten der orsanti, die sie durch zähe Recherchen über die Jahre zusammengetragen hat. Trommeln und Ziehharmonikas, Schellenkappen und bunten Kostüme: Skurrilitäten, die einst auf öffentlichen Plätzen das einfache Volk gaffen und für eine kleine Weile ihren tristen Alltag vergessen ließen. Das Lachen der Kinder, wenn ein Affe auf einem eigens für ihn konstruierten Affenklavier spielt, und die furchtsame Stille, wenn ein Bär zu wilder Musik sich die Seele aus dem Leib tanzt. Über alle Landesgrenzen hinweg gleichen sich die staubigen Plätze, auf denen die Vaganten von Compiano mit Tand und buntem Flitter die Träume der Menschen beflügelten und ihre bedrückende Enge im Augenblick weit werden ließ. Für Maria Teresa Alpi sind die orsanti ohne Wenn und Aber Künstler, wenn man darunter versteht, dass die Wirklichkeit in ihrem Bannstrahl aufbricht und der Staub vor unseren Augen zu funkeln beginnt.
Dass ihre Kunst – wie alle Kunst – einen Preis hat, Leichen im Keller oder nur ein Mäuseskelett, steht indes auf einem anderen Blatt. Da ist die Geschichte von einem, der im Winter mit zwölf Kamelen nach Russland aufbrach: welch trauriges Ende es mit den Wüstentieren nahm, ist leicht auszudenken. Oder das Schicksal unzähliger Kinder, die von ihren Eltern gegen ein lächerlich geringes Entgelt bei den orsanti in Dienst gegeben wurden: überlebten sie das harte Leben in der Fremde, waren sie bei ihrer Heimkehr stark genug für die Knochenarbeit auf den Feldern, wenn nicht, war da ein Esser weniger am karg gedeckten Tisch, auch gut.
Es ist unmöglich, die Geschichte der Schausteller von Compiano, wie Maria Teresa Alpi sie in ihrem Museum dokumentiert, auf einen Nenner zu bringen, ist sie doch genauso vielfältig und widerspruchsvoll wie menschliches Leben nur sein kann.
So befremdlich dem heutigen Besucher die Vorstellung von Tanzbären und klavierspielenden Affen auch erscheinen mag – in den Augen ihrer Herren waren die Tiere Teil einer gemeinsamen artistischen Anstrengung. Nur mit ihrer Hilfe konnte die Flucht aus einer Wirklichkeit gelingen, die für viele den sicheren Hungertod bedeutet hätte; in diesem Sinne waren Mensch und Tier aufeinander angewiesen als Verbündete und notwendige Freunde.
Wenn im museo gli orsanti Musik aus einem altmodischen Walzen-Phonograhen erklingt und auf einem Karussell die Bärenbändiger mit ihren Bären tanzen, sind solche Einwände ohnehin rasch vergessen, und es überwiegt eine melancholische Faszination für jene sonderbare Lebenserfindung der Bauern vom Compiano, die an den undokumentierten Rändern großer Geschichte vollzogen hat: auch sie Teil menschlichen Bestrebens, durch Phantasie die natürlichen Begrenzungen zu überwinden und neue Wirklichkeiten zu schaffen. Ist es ein Zufall, dass ausgerechnet eine Künstlerin diese vergessenen (Lebens)künstler wieder entdeckt und ausgestellt hat?
Wie Maria Teresa Alpi da an ihrem Büchertisch am Eingang sitzt, kettenrauchend, in einen weiten Umhang gehüllt und laute Rockmusik hört, ist es keinesfalls auszuschließen, dass sie noch heute aufbricht mit einem Bären am Strick oder auf dem Rücken eines Kamels.
