
Hebron im Schatten der Siedlung Kiryat Arba
26. Dezember 1989
„Al Quds, Al Quds“, ruft der Fahrer eines Sammeltaxis über die leere Strasse hinweg. In seinem überlangen, achtsitzigen Mercedes warten erst vier Personen, und der Fahrer hofft, noch zwei, drei Fahrgäste mehr nach Jerusalem auftreiben zu können. Aber sehr wahrscheinlich wird er mit den Vieren, die er hat, zufrieden sein müssen.
Ich bin in Hebron. Es ist kurz nach Mittag. Die Läden der Geschäfte sind heruntergelassen. Der Basar ist verwaist. Nur noch ein paar einsame Nachzügler sind mit ihren Einkäufen auf den Strassen unterwegs. Noch vor einer halben Stunde hätte sich der Taxiunternehmer vor Fahrgästen gar nicht retten kennen. Hier, wo jetzt nur noch eine Zeitung, die der Wind über die Straße treibt, und ein paar an den Randstein getretene Orangenschalen an das Vorhandensein einer Bevölkerung erinnern, drängte sich eben diese noch am Morgen zu Hunderten, zu Tausenden an Orangen-, Mandarinen- und Brotständen, an Ständen mit Haushalts- und Lederwaren, mit getrockneten Feigen, Pistazien und süßen Kuchen vorbei. Dazwischen Schisch Kebab- und Falafel-Bratereien und rundliche Beduinenfrauen am Boden hockend, die Rosinen und Gewürze oder bündelweise Pfefferminze anboten. An ihnen vorbei balancierte ein Kellner geschickt ein Tablett mit rauchenden Gläsern süßen, arabischen Tees durch die Menge vom Kaffeehaus zum Teppichhändler um die Ecke, wo gegenüber abgezogene Hammel offen vor einer Metzgerei hingen und daneben die Auslagen eines Lebensmittelladens waren und ein Friseur, eine Bäckerei, dann wieder ein Geschäft mit Blechtöpfen und Pfannen. Für einen Moment tauchte der Handkarren eines Halbwüchsigen, überhäuft mit noch warmen, duftenden Fladenbroten, aus der Menge auf und verschwand wieder darin. Ein Gewimmel von jungen und alten Frauen mit Kindern an der Hand und von jungen und alten Männern mit und ohne „Keffiya“, dem Palästinensertuch auf dem Kopf. Dazwischen Autos, Sammeltaxis, Lastwagen und Eselskarren und Soldaten mit Funkgeräten und Schnellfeuergewehren.
Von alldem ist nun nichts mehr da, außer dem Mercedestaxi und den israelischen Soldaten an der Ecke, die eigentlich zu jung sind, um Soldaten zu sein. Seit Beginn der Intifada, gehören sie verstärkt zum Stadtbild palästinensischer Städte. Die Intifada ist auch der Grund, weshalb die Geschäfte hier in Hebron, genauso wie die Geschäfte im alten, im arabischen Teil Jerusalems oder in Nablus, Ramallah, Jericho oder in Bethlehem nur zwischen acht Uhr morgens und zwölf Uhr mittags geöffnet sind. Diese geschäftliche Selbstbeschränkung ist eine Form des kollektiven, sich selbst kasteienden, ghandischen Protests der Bevölkerung gegen die andauernde israelische Besatzung.
Erst jetzt, da die Strassen leergefegt sind, entdecke ich auch die gepanzerten Wachtürme auf und vor einzelnen Häusern der Altstadt. Diese massive Militärpräsenz dient in erster Linie dem Schutz einer Handvoll jüdischer Siedler, Angehörigen der radikalen Gush Emunin-Bewegung. Sie halten seit Anfang der achtziger Jahre diesen Teil des Stadtkerns besetzt, mit dem erklärten Ziel, dass Hebron wieder eine rein jüdische Stadt werden müsse. Gegenüber den besetzten Gebäuden hat die Sprengung mehrerer Geschäftshäuser eine hässliche Lücke hinterlassen. Häusersprengung ist eine häufig ausgeführte Strafaktion der israelischen Besatzer und richtet sich gegen die Familien von Palästinensern, die mit Terroranschlägen in Zusammenhang gebracht werden. Abgesehen vom Leid der betroffen Familien, die meist innerhalb weniger Minuten plötzlich ohne Obdach und vor einem Haufen Schutt und Asche dastehen, das einmal ihr Zuhause gewesen ist, wird dabei oft wertvolles Kulturgut zerstört.
Inzwischen hat der Taxifahrer den schon ungeduldig gewordenen Fahrgästen im Fond des Wagens nachgegeben und ist losgefahren. Ohne mich, denn ich will zu Fuß hinauf in die Hügel im Osten der Stadt. Schnell lasse ich die Altstadt hinter oder besser gesagt unter mir. Denn die immer ärmlicher werdenden Viertel Hebrons ziehen sich immer höher die umgebenden Hügel hinauf. Mit zunehmender Entfernung zur Altstadt sehe ich mehr Kinder in den Gassen. Natürlich errege ich mit meinem fremden äußeren bald ihr Aufmerksamkeit und bald von einer Kinderschar umringt. Die jüngsten, kaum fünf oder sechs Jahre alt, greifen nach Steinen. Doch die älteren Jugendlichen, die mich von einem israelischen Siedler unterscheiden können, halten sie davon ab, mich zu steinigen. Sie probieren an mir ihr Schulenglisch aus und fragen mir freundlich Löcher in den Bauch. Woher ich komme, was ich hier mache, ob ich denn keine Angst habe, wohin ich wolle, und was weiß ich noch alles. Ich beantworte so gut ich kann alle ihre Fragen. Schließlich darf ich dann noch Foto von ihnen schießen, ehe sie mich weiter gehen lassen.
Die Kinderschar folgte mir noch eine Weile. Und erst als die Häuser immer seltener werden und die Stadt unter mir nur noch wie ein Haufen von Spielzeugwürfeln aussieht, bin ich wieder allein. Aber nicht lange, und ein weißer Jeep hält dicht neben mir. Der Fahrer sagt etwas auf Hebräisch durch einen schmalen Spalt des Seitenfensters zu mir. Dann begreift er, dass ich ihn nicht verstehe und fragt mich auf Englisch, was ich hier mache. Auf meine Antwort schüttelt er nur mit dem Kopf. Es sei verrückt, hier spazieren zu gehen, sagt er, viel zu gefährlich. Ich solle einsteigen und zur Siedlung mitfahren. Sein Wagen sieht wirklich so aus, als ob wir uns mitten in Feindesland befinden. Die Scheiben des Jeeps sind vergittert, eine Maschinenpistole liegt griffbereit neben dem Schaltknüppel, und unter dem Armaturenbrett hängt eine eindrucksvolle Funkanlage.
Obwohl ich mich allein und nur mit einem Fotoapparat bewaffnet hier in Palästina erheblich sicherer fühle, als in dem Wagen des Siedlers, steige ich dennoch ein. Zum einen, weil ich ihn nicht verärgern will und zum andern, weil meine Neugier die Angst verdrängt und die Siedlung Kiryat Arba sowieso auf meinem Besichtigungsprogramm steht. Ich schätze meinen Fahrer auf ein Alter von etwa 35 Jahren. Doch sein Vollbart ist so lang, dass er seinen Hals verdeckt. Auf seinem Hinterkopf trägt er die Kipa. Ich frage ihn, ob er Angst hätte vor Steinewerfern. Nein, antwortet er, nimmt zur Erklärung, weshalb er sich nicht fürchte, die rechte Hand vom Lenkrad und streichelt über den Lauf seiner Maschinenpistole.
An der Einfahrt von Kiryat Arba passieren wir einen schwer bewaffneten Sicherheitsposten, dann erinnern nur noch die grelle Sonne und der harte, schwarze Schatten an den nahen Osten und an das alte Land Palästina. Die jüdische Siedlung Kiryat Arba am Stadtrand Hebrons ist ein mit Stacheldraht abgeriegelter Neubaukomplex mit mehrgeschossigen Wohnhäusern, asphaltierten Strassen und einer autonomen Strom- und Wasserversorgung. Schon 1968, also kurz nach dem Sechstagekrieg, wurde sie von radikalen Siedlern errichtet, mit der Berufung auf die Schöpfungsgeschichte und auf Abraham, denn Hebron, die Stadt, die im Arabischen Khalil und im Hebräischen Hevron heißt, ist der Ort, wo vor viertausend Jahren Abraham, der Stammvater der Israeliten und der Araber, zum Preis von 400 Silberschekeln die Höhle Machpelah und ihre Umgebung aufkaufte. Mehr als viertausend Siedler leben hier in Kiryat Arba, sagt mein Fahrer. Sie haben allen westlichen Komfort, den obligatorischen grünen, kurz geschorenen und steril gepflegten Rasen vor dem Haus – genauso wie in den spießigen Vorortsiedlungen der US-amerikanischen Vorabendserien – und offensichtlich Wasser im überfluss. Außerhalb des Zaunes aber, im alten Hebron, leidet die palästinensische Bevölkerung, das sind 70.000 Menschen, unter Wassermangel, weil einer der wichtigsten Brunnen Hebrons von den israelischen Besatzern einfach stillgelegt wurde. An der Bushaltestelle der Siedlung lässt mich der Fahrer aussteigen. Zwei Teenager warten hier schon auf den Bus nach Jerusalem. Nette, brave Gesichter an einer gepflegten, sauberen Haltestelle, wie es sie auch in den USA oder irgendwo anders in der westlichen Welt geben könnte. Aber ich bin immer noch im nahen Osten und auf besetztem Gebiet, in einer Siedlung, die ein UN-Sonderausschuss für rechtswidrig erklärt hat.


