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Kleine Erdkunde

Friedensdividende

Grenz-Erfahrung an der Allenby-Bridge zur Jahrtausendwende

Amman - Bild: Norbert Suchanek

Amman im Januar 2000. Ein sonniger Morgen. Der rußige Gestank des Autoverkehrs lag noch nicht in den Straßen des Altstadt. Von meiner Backpacker-Herberge, dem Cliff-Hotel, Ecke Prince Mohammad Street/King Hussein Street, aus schlenderte ich zwischen grauen Häuserblocks zum Abdali Busbahnhof. Ich hatte keine Lust, eines der preiswerten Sammeltaxis anzuhalten, die auf einer festen Route hin und her fuhren. Der Busbahnhof war auch nicht weit weg. Kurz vor neun Uhr war ich dort. Dutzende von arabischen Bussen und großen, sechs- bis achtsitzigen Mercedes-Sammeltaxis standen herum. Doch welcher Bus, welches Sammeltaxi fährt nach Jericho?

Bei Jericho - Bild: Norbert Suchanek

Ich fragte mich mit etwas Englisch und ein paar Brocken Arabisch durch, und jemand lotste mich zu einem Platz, wo eine Reihe schmutzig-weißer Mercedese wartete, die ihre besten Zeiten schon längst hinter sich hatten. Den Dachgepäckträger des Vordersten beschwerten bereits ein großer, mit Stricken zugebundener Koffer und zwei prallgefüllte Säcke. Im Fahrzeuge selbst warteten schon vier Personen geduldig darauf, dass ein weiterer Passagier gefunden wurde. In dem Moment, als ich auf den Seitentüren des Sammeltaxis „Allenby-Bridge“ las, fragte mich der Fahrer, „Allenby, Allenby?“ Einladend breitete er seine Arme aus. „Yes“, antwortete ich, „To Jericho.“


Der schnurrbärtige Fahrer nahm mir meinen Rucksack ab, verpackte ihn auf dem Gepäckträger und dirigierte mich in den Fond seines Gefährts, wo schon zwei junge Frauen mit weißen Kopftüchern saßen. Der Fahrer verlor keine Zeit, und augenblicklich quälten wir uns durch Ammans morgendlichen Stadtverkehr. Während der Fahrt gaben wir ihm still das Fahrgeld, jeweils zwei Jedi, zwei Jordanische Dinar, umgerechnet rund drei Euro.


Anfangs schien es, Amman würde niemals enden. Wie ein Krebsgeschwür wucherte die Hauptstadt von Hügel zu Hügel. Doch plötzlich lag das schier endlose Meer von hässlichen, grauen, wie Schuhkartons aussehenden Häusern, einzelnen nagelneuen Luxushotels und halb fertig gestellten, modernen „Marmorpalästen“ hinter uns, und wir rasten auf einer frisch geteerten und breit ausgebauten Straße minutenlang in weiten Schleifen hinunter ins Jordantal. Es kam mir wie der Landeanflug eines Passagierjets vor. Nach einer Fahrzeit von insgesamt einer Stunde landeten wir vor einem großen, ummauerten jordanischen Zollgebäude.


Während meine Mitfahrer noch auf irgendwelche Gepäckkontrollen warten mussten, durfte ich an ihnen vorbei und durch das vorderste Zollgebäude hindurchgehen. Wie mir der Beamte befahl, überquerte ich den Innenhof zum Ausreiseschalter. Zwei europäisch aussehende Reisende warteten dort bereits vor dem Betongebäude. Sie saßen neben ihrem Gepäck am Randstein und langweilten sich. Ich zahlte vier Jedi Ausreisesteuer und setzte mich zu ihnen in die Sonne. Wir warteten auf irgendeinen Jet-Bus, der irgendwann kommen sollte, um uns über die Allenby Bridge zu bringen. Denn zu Fuß, hieß es, sei es verboten die Grenze zu überschreiten. Januar 1987, bei meinem ersten Besuch in der Westbank, hatte ich die Grenze von der anderen Richtung her zu Fuß überquert.


Wir warteten fast eine Stunde bis 11 Uhr. Dann kam der klimatisierte Reisebus. Er brachte uns gegen Bezahlung von 1,5 Jedi durch das jordanische, unter militärischer Bewachung stehende, topfebene „Niemandsland“. Fünf Minuten später erreichten wir die Allenby Bridge. Sie war, wie bei meinem ersten Besuch, noch immer eine kleine, hässliche Militärbrücke aus Metall, auf der gerade mal ein Bus Platz hat. Der Jordan sah diesmal aber noch kümmerlicher und erbärmlicher aus als damals. Der legendäre, heilige Fluss der Christenheit, stand – zumindest an diesem Ort – der Brücke an Hässlichkeit in nichts nach: Ein winziges, bräunlich-trübes Rinnsal. Freiwillig würde ich mich niemals mit diesem Wasser taufen lassen, dachte ich.

Wadi Qilt - Foto: Norbert Suchanek

Der unterkühlte Bus schaukelte uns über die vermeintliche Giftbrühe hinweg, und dann war auch schon wieder eine weitere Grenz-Etappe geschafft. Die israelische Grenzstation schien moderner, neuer. Wir stiegen aus dem Bus und wurden zu den Durchleuchtungsgeräten gelotst hinter denen junge, gelangweilte, israelische Soldatinnen saßen. Schließlich hieß es, ein Einreisepapier auszufüllen und es zusammen mit dem Pass einer weiteren Beamtin zu geben. Deren ausdrucksloses Gesicht befand sich in einer Art Häuschen hinter einer schmalen Scheibe aus Panzerglas. Mit unterkühlter Stimme stellte es überflüssige Fragen wie: „Wie heißt ihr Vater, was war sein Beruf, wohin wollen sie, wo werden sie übernachten?“ Sie sah dabei immer nach unten, als ob sie meine Angaben auf einem Bildschirm kontrollierte. Schließlich stempelte sie das Einreiseformular, gab es mir mit dem Pass durch den Schlitz unter dem Panzerglas zurück, und ich durfte passieren. Doch ich kam nur fünf Schritte weit. Hinter einem kleinen Tischchen saß – wie an einem „Katzentisch“ – eine junge, der Uniform nach palästinensische Beamtin. Sie warf nur der Form halber einen Blick in meine Papiere und wies mir lächelnd den Weg zum Ausgang. Es war inzwischen 12 Uhr Mittag, doch ich war immer noch nicht in Jericho. Nun durfte ich in einen palästinensischen Bus steigen, einen weiteren Jedi bezahlen und mit ihm durch das schwer bewachte, israelische „Niemandsland“ fahren.


Die eingezäunte, seltsam zerfurchte Sandlandschaft war von einer herrlich bizarren Schönheit, die ich lieber zu Fuß erwandert, als vom Bus aus erlebt hätte. Doch fünf Minuten später lag sie hinter mir. Soldaten ließen unseren Bus durch eine, so glaubte ich, nun letzte Absperrung hindurch. Aber ich täuschte mich. Wir überquerten eine nagelneue, breite, schwarz geteerte israelische Umgehungsstraße, nur um abermals vor einem Zaun zu stehen. Ein Soldat stieg ein und kontrollierte abermals die Pässe, erst dann durfte der Bus in das palästinensische Autonomiegebiet namens Jericho einfahren. Aber der Bus fuhr nicht mehr wie früher mitten in die Stadt hinein, sondern hielt außerhalb auf einem neuen, mit Zäunen umgebenen, palästinensischen Busbahnhof. Dort entschied ich mich, nicht mehr auf einen weiteren Bus zu warten, sondern mich auf Schusters Rappen aufzumachen, in das ein oder zwei Kilometer entfernte Zentrum des Städtchens mit dem Privileg, die älteste Siedlung der Welt zu sein.


Jericho sah im wesentlichen noch immer so aus wie früher – vor der Autonomie. Am Westrand der überschaubaren Dorfmitte stand aber eine neue, mit Petrodollars gebaute Moschee, an der bezeichnenderweise gleich eine neue Tankstelle angeschlossen war. Ansonsten fiel mir der überhand nehmende Müll an Straßenrändern und etlichen verwahrlosten Grundstücken Jerichos auf. Wie fast überall in der Region machte auch hier die Vermüllung der Landschaft keinen Halt. Doch was mich noch trauriger machte: Jericho hatte seine einstige Gemütlichkeit, seine Beschaulichkeit verloren. Dutzende von nagelneuen, orangefarbenen Taxis drängten sich nun rund um den Stadtplatz, ständig Ausschau haltend nach irgendwelchen Fahrgästen. Ich konnte kaum einen Schritt tun, ohne von ihnen angehupt und zum Einsteigen aufgefordert zu werden. Kurzum: Jericho war nicht mehr der verschlafene Ort, den ich bereits vor und während der Intifada kennen gelernt und in guter Erinnerung hatte. Es war kein Ort mehr, der den Fremden zum Tee trinken, zum Verweilen einlud. Ich packte meinen Rucksack und verließ Jericho Richtung Berge, um die Nacht in der Wüste zu verbringen.


Tage später, als ich bei der Rückreise die Grenze wieder in entgegengesetzter Richtung „überschreiten“ wollte, blieb mir am israelischen Ausreiseschalter die Spucke weg. Die Zollbeamtin verlangte eine Ausreisesteuer von satten 25 Jedi von mir. Das war sechs mal mehr als das Nachbarland Jordanien an Gebühr verlangte und dabei hatte ich nicht einen Quadratmeter israelischen Boden betreten. „Die meisten wissen nicht, dass sie für die Ausreise so viel zahlen müssen“, sagte trocken die junge Israelin hinter dem Schalter und verwies mich auf den extra dafür eingerichteten Bankschalter gegenüber, wo ich auch Schecks einlösen oder mit Plastikkarte Geld abheben könnte. Es nützte nichts, meinen ärger über diese staatliche Abzockerei an der hübschen Zöllnerin im Militärdrillich abzuladen, und ich zahlte, so wie alle anderen. Das war wahrscheinlich die „Friedensdividende“ von der alle Medien redeten.