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Reiseliteratur

Huberta von Voss: Porträt einer Hoffnung

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Porträt einer Hoffnung: Die Armenier
Lebensbilder aus aller Welt
von Huberta von Voss
Verlag Hans Schiler, Köthen 2005
415 Seiten
ISBN 3-89930-087-4
28,00 €

Der Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich der Jahre 1915/16 gehört, das haben die politischen Ereignisse des neunzigsten Gedenkjahres gezeigt, zu den unbewältigten Traumata Europas. Schon der Begriff „Völkermord”, das zweite Wort dieser Rezension, ist geeignet, ihre Leser von vornherein in mindestens zwei Lager zu teilen. Auch Generationen nach den Verbrechen ist ihre Aufarbeitung, so mag es scheinen, eine Utopie.

In einer derart sensiblen und wieder öffentlich geführten Debatte ist es sinnvoll, einmal nicht die Positionen zu Fronten zu sortieren, nicht die Welt in Freund und Feind einzuteilen, in jene, die die Wahrheit eben schon begriffen haben und jene, die sich der Einsicht verweigern. In einer solchen Debatte ist es sinnvoll, sich einmal dem einzelnen Menschen zuzuwenden, zu untersuchen, warum er denkt, was er denkt. Ein solcher Perspektivwechsel ist schließlich nicht weniger als ein Manifest des Humanen im Angesicht des Massenmordes.

Huberta von Voss hat sich in ihrem bemerkenswerten „Porträt einer Hoffnung” dieser Aufgabe gestellt. In 42 „Lebensbildern” porträtiert sie, unterstützt durch Beiträge namhafter Co-Autoren wie Tessa Hofmann oder Wolfgang Gust, Armenier aus aller Welt. Den sensibel gearbeiteten Beiträgen gab die Herausgeberin mit den Themenbereichen Die Geschichte, Das Wort, Der Glaube, Die Kunst, Film und Foto, Die Musik, Das Engagement, Politik und Diplomatie sowie Lebensbilder eine vorsichtige Ordnung. Die Gliederung ist glücklich gewählt, denn sie ermöglicht interessante Überblendungen der Lebensbilder, die an den verschiedensten Orten aufgenommen wurden, in der Republik Armenien und in den Ländern der weit verstreuten Diaspora. So findet sich der kanadische Erfolgsregisseur Atom Egoyan neben dem 2002 verstorbenen Kairoer Starfotografen van Leo wieder; ersterer erprobt in seinem Film „Ararat” das „Ausleuchten eines Mythos”, letzterer inszenierte „Hollywood in Downtown Kairo”. Charles Aznavour begegnet der Istanbuler Akkordeonspielerin Madame Anahit. Nach dem Außenminister der Republik Armenien Vartan Oskanian wird „Armeniens Anwalt an der Seine: Chiracs juristischer Berater Patrick Devedjian” vorgestellt. Die kurzen, selten mehr als sieben Druckseiten umfassenden Porträts erfassen präzise, was diese unterschiedlichen Menschen beschäftigt, was sie antreibt und was für eine Rolle ihre Nation dabei spielt, zu deren Selbstverständnis der Genozid von 1915/16 gehört. Huberta von Voss ist auf diese Weise auch ein Buch über nationale Identität in einer Welt der Globalisierung gelungen. Dass die sie die Beschäftigung mit dem Genozid aus der Distanz der Forschung und der Diplomatie herausholt, ist ein wichtiger Beitrag zur historischen und politischen Auseinandersetzung. Dabei geht es gerade nicht um um bislang unbekannte Fakten oder um ein neues Licht auf Bekanntes. Der Band bemüht sich, zu begreifen, warum sich Menschen in aller Welt standhaft weigern, ein dunkles Kapitel Geschichte dem Vergessen anheim zu geben. Die Fragen, die in ihren Antworten stecken, werden einfühlsam und durchaus nicht unkritisch protokolliert. Das gilt auch für die „Erinnerungsorte”, denen ein eigener Abschnitt gewidmet ist, ein kleiner Atlas der Vernichtung, des Überlebens, auch der Rache: Deir-es-Sor, Ziel der Todesmärsche der osmanischen Armenier, Das Armenierviertel Bourj Hammoud in Beirut - und die Berliner Hardenbergstraße, wo Talaat Pascha erschossen wurde.

In der Einführung, die auch als eine überaus sachgemäße Einführung in das Thema insgesamt gelten kann, beleuchten Beiträge von Tessa Hofmann, Vahakn N. Dadrian, Taner Akçam und Wolfgang Gust die Interpretation des Genozids, mit durchaus unterschiedlichen Ergebnissen. Dass einer dieser Autoren, Vahakn N. Dadrian, sogleich im ersten Porträt vorgestellt wird, spricht ebenso für das editorische Konzept wie die persönliche Erinnerung K.M. Greg Sarkissians im Nachwort, die dem Türken Hadji Khalil gewidmet ist, der die Mutter Sarkissians mit ihrer Familie vor den Verfolgungen beschützte. Eine Zeittafel zur armenischen Geschichte, ein Glossar und ein Literaturverzeichnis im Anhang runden das vielseitige Buch ab.

„Porträt einer Hoffnung” - gibt es ein Gemeinsames dieser Lebensbilder? Wahrscheinlich nur, dass ihnen der Bezug auf ein Gemeinsames gemein ist. Auch die eine Hoffnung, von der der Buchtitel spricht, bleibt, obschon überall spürbar, wenig bestimmt. Das gilt auch für die Sehnsucht nach Anerkennung des erlittenen Unrechts. Anders gesagt, mit den Worten der Herausgeberin und Autorin: „Ihnen gemeinsam ist die Suche nach der Bedeutung Armeniens - Hajastans.” Vielleicht spiegelt sich darin die innere Zerrissenheit eines Volkes, die von vielen Armeniern empfunden und beklagt wird. Der Respekt, den die Lebensbilder des vorliegenden Bandes einfordern, erlaubt hingegen einen anderen Schluss: Dass sich die individuellen Biografien nicht vereinnahmen lassen, auch nicht von den Ideen nationaler oder kultureller Identität der Porträtierten selbst, nicht von der Geschichte ihres Volkes.