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Reiseliteratur

Barbara Denscher: Im Schatten des Ararat

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Im Schatten des Ararat. Armenische Kontraste
von Barbara Denscher
Picus Verlag, Wien
132 Seiten
ISBN 3-85452-787-X
14,90 €/26,80 SFr

Eine Fahrt ohne Sicherheitsgurt

Barbara Denscher zeichnet armenische Kontraste bei Picus

Die kleinen, schmucken Bändchen der Reihe Picus Reportagen sind ebenso eine Zierde für die Reisetasche wie für das Regalbrett mit den zerfledderten Reiseführern. Sie versprechen, was man auch von einer Reise erwarten würde: keinen Stress, ein wenig Muße, in der man gern einen Blick über den Tellerrand wagt. Solide Information und eine gute, eingängige Schreibe in überschaubarem Umfang sind das Programm. Auf Barbara Denschers Weg im Schatten des Ararat offenbaren sich allerdings die Gefahren eines mundgerechten Formats, in dem die armenischen Kontraste mitunter die nötige Schärfe vermissen lassen.

Denschers Reportage schließt eine Lücke in der deutschsprachigen Literatur über Armenien, sofern man denn das Fehlen eines eingängigen, schnell lesbaren Überblicks über ein solches Land als Mangel empfinden mag; über ein Land, dessen innere und äußere Situation mindestens so kompliziert ist wie seine wechselvolle Geschichte.

Die 1956 geborene Autorin hat als Kulturpublizistin und Mitarbeiterin des Österreichischen Rundfunks über Armenien gearbeitet; auch ihr ehrenamtliches Engagement soll nicht unterschlagen sein. Dieser Band stammt also aus erfahrener Feder, und er ist mit hoher journalistischer Professionalität gearbeitet: Präzise geschilderte Beobachtungen des Alltags, insbesondere des Alltags eines Armenienreisenden, die kleinen Kuriositäten einer fremden Kultur, führen in lockeren Schritten durch den Themenkreis der 17 Kapitel: Die schlechte Versorgungs- und Wirtschaftslage in der nach Osten und Westen isolierten ehemaligen Sowjetrepublik, das armenische Christentum und seine Bedeutung für die Nation, die multiple, zwischen Republik und Diaspora geteilte armenische Identität, Mesrop Maschtots und Musa Ler, die Baracken von Gyumri und die Witze von Radio Eriwan, im Hintergrund spielt die Zurna und klackern die Würfel beim Nardi-Spiel.

Allein diese unvollständige Aufzählung weckt Skepsis, ob ein derart umfangreiches Programm in so komprimierter Form abgearbeitet werden kann, ohne dem Klischee immer wieder in die Falle zu gehen. Ist das kleine Land südlich des Kaukasus doch zu groß für das kleine Format? Nicht nur der Genozid von 1915 hätte eine tiefer gehende Bearbeitung erfordert. So manches Kapitel lässt das gerade erst geweckte Interesse mit einer Anekdote oder Pointe allein, deren Prägnanz die Unvollständigkeit der Darstellung verschleiert.

Skepsis ist schließlich angebracht, wenn Denscher das reisende, schauende, fragende und schließlich erzählende Ich ihrer Reportage so weit zurücknimmt, dass an ihm wenig mehr zu erkennen bleibt als Spiegelungen der höchst unterschiedlichen armenischen Befindlichkeiten. Damit ist zwar das Gefühl, auf einer Wolke der Gastfreundschaft herumgereicht zu werden, gut getroffen, dem man sich in Armenien nur schwer entziehen kann. Denscher ist aber über ihre ersten Reisen ins Land unter dem Ararat schon weit hinaus, und ihre eigene Sicht würde doch mehr interessieren, als sie davon preisgibt.

Im Schatten des Ararat ist eine leicht zugängliche Erstlektüre über Armenien – empfehlenswert, sofern es bei ihr nicht bleibt.