Kiermeyer am Ararat
a view to Armenia
Ringsum reicht den Augen das Salz nicht aus.
Man erhascht Formen und Farben –
und all dies ist ungesäuertes Brot.
So ist Armenien.
Ossip Mandelstam
Gert Kiermeyers Armenien-Fotografien sind, das wurde bei ihren Präsentationen im Rahmen von „fokus | Armenien“ deutlich, durchaus in der Lage, zu provozieren. Und vielleicht kann man ihnen den Vorwurf machen, ein unvollständiges, einseitiges Bild zu zeichnen. Kiermeyers Armenien ist nicht das alte Kulturland an der Schwelle zum Orient, nicht die erhabene Szenerie einer Berglandschaft, die gesättigt ist mit Geschichte, um nur einige „klassische“ Topoi zu nennen. Berechtigt sind diese Vorwürfe, insofern die wenigen öffentlichen Bilder von Armenien in Deutschland viel für das Image des Landes zu leisten haben, und insofern auch die angesprochene Öffentlichkeit dem gegenüber nicht indifferent ist: Hier spannt sich als ein dritter Horizont das Armenien der im – nicht nur europäischen – Ausland lebenden Armenier auf.
Allerdings: Kiermeyers Fotografien werden missverstanden, wenn sie als eine (defizitäre) Darstellung Armeniens kritisiert werden. Sie reklamieren für sich, eine künstlerische Subjektivität zu zeigen, sie wollen als Kunst betrachtet werden, nicht als eine Dokumentation. Mit Kategorien wie wahr, falsch, vollständig oder einseitig kommt man also nur weiter, wenn es um die innere Wahrheit des Kunstwerkes geht. Kritisch ist also zu fragen, ob seine Armenien-Arbeiten diesem Missverständnis selbst Vorschub leisten. Zumindest bei einigen Beispielen spielen Stilmerkmale der Dokumentarfotografie eine große Rolle. Abzuwägen ist, ob Kiermeyer seinem eigenen Anspruch jeweils gerecht wird: als einzige Form der Dokumentation diejenige des Gefühls zuzulassen, das im Moment des Fotografierens als ein intuitives Formgesetz wirkt. Dann erschließen sich seine Armenien-Fotografien als künstlerische Bearbeitung der Begegnung mit einem Land, das das fremde Auge hinlenkt, wo es gerade einmal will. Die ästhetische Irritation, die hier dokumentiert ist, erweist sich als eine präzise Aussage über Armenien, die man in anderen Worten von vielen seiner Besucher erzählt bekommen kann.
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über Gert Kiermeyer auf www.kiermeyer.de
