header image
Sie sind hier: destinatio > Magazin > Bild > Gesehen: Filmrezensionen > Michael Glawogger: Slumming

Gesehen

Michael Haneke: Das weiße Band
Natürlich ist sich das Feuilleton im Herbst 2009 weitgehend einig: Michael Hanekes neuer Film „Das w...
Francis Ford Coppola: Tetro
Bennie, ein 17-jähriger Junge, trifft in Buenos Aires auf seinen älteren Bruder. Das frühere Idol ha...
Stephan Komandarev: The World is Big and Salvation Lurks Around
Für ein besseres Leben kommt Alex‘ Familie 1983 aus Bulgarien nach Deutschland. Jahre später machen ...
Sacha Mirzoeff: Shooting Under Fire
Ein Bild in der Zeitung zeigt einen Ort in Israel nach einem Selbstmordattentat, auf abgesperrten Te...
Deutschland 09
Was ist Deutschland? Unter dem Titel „Deutschland 09“ versuchen 13 Kurzfilme eine Antwort zu geben ....
Das verlorene Spiel(zeug)
Eine märchenhafte Geschichte der Spielzeugherstellung in Sonneberg ...
Aygepar/Alibeyli
Zwei Dörfer, nur ein paar Steinwürfe voneinander entfernt – Aygepar in Armenien, Alibeyli in Aserbai...
Michael Glawogger: Slumming
Sebastian und Alex – eine Art WG fou in einem luxuriösen Wiener Appartement – sind dem „Slumming”, e...
Michael Glawogger: Workingman´s Death
In den industrialisierten Ländern der 1. Welt gibt es sie fast nicht mehr – harte, körperliche Arbei...
Karine Verdiyan/Nika Shek: Miakoghmani chagh
Zu den bestgehüteten Geheimnissen der Republik Armenien dürfte die Existenz einer Frauen-Fußball-Nat...
Robert Davidian: Karaoke Dreams
Ein Film mit einem unspektakulären Ansatz, aber urkomischen Ergebnissen: ...

Michael Glawogger: Slumming

Filmstill Slumming

Michael Glawogger
Slumming
Österreich/Schweiz/Deutschland 2006, 100 Min.

Notiz vom Golden Apricot Filmfestival 2006

Sebastian und Alex – eine Art WG fou in einem luxuriösen Wiener Appartement – sind dem „Slumming”, einem merkwürdigen Zeitvertreib verfallen. Auf Streifzügen durch billige Kneipen, Spielhöllen und Chatrooms erfinden sie Lebensgeschichten zu den Figuren, denen sie begegnen – und treiben mit ihnen gehässige Spiele. Sebastian ist ein großes Kind aus reichem Hause, das sich über sein Fortkommen keine Gedanken zu machen braucht und sein Leben als ein einziges Mensch-Ärgere-Dich zu begreifen scheint. Alex studiert irgendwas und träumt, wenn er Sebastian nicht gerade den Würfel zum nächsten Spielzug reicht, von einem normalen Leben.

 

Auf einer Bank vor dem Wiener Westbahnhof finden die beiden Flegel den obdachlosen Säufer Kallmann, der für Alkohol alles tut, zu was er in seinem dauerbenebelten Zustand in der Lage ist. Im Kofferraum von Sebastians BMW transportieren sie den Bewusstlosen über die tschechische Grenze und lassen ihn vor dem Bahnhof von Znojmo zurück.

 

Die nun einsetzende Rückabwicklung dieser Geschichte könnte man konstruiert nennen: Kallmann stapft durch den südböhmischen Schnee zurück nach Wien, verliert unterwegs seinen Alkoholismus, findet Bambi und nebenbei sich selbst – Sebastian verliert seine (vermutlich erste) große Liebe Pia und verschwindet schließlich irgendwo in Indonesien.

Alles klar soweit und schematisch genug, dass man es sich im Kinosessel bequem machen kann und das Feuerwerk genießen, das Glawogger zündet. Mit leichtem Gruseln drängt sich der Eindruck auf, einen annähernd perfekten Film zu sehen. („Wieso annähernd?” fragt die Nachbarin.) Mit einer enormen Bandbreite an Imagination und einer sensiblen Abstimmung der filmischen Mittel erreicht Glawogger einen Rhythmus, der vergessen lässt, wie artifiziell er eigentlich ist. Es scheint, als habe sich der Dokumentarfilmer seine eigene Realität geschaffen und diese dann mit der gleichen nüchternen Sensibilität gefilmt, die etwa seinen jüngsten Dokumentarfilm Working Man´s Death auszeichnet. Die hervorragende schauspielerische Leistung von Paulus Manker (Kallmann), August Diehl (Sebastian), Michael Ostrowski (Alex), Pia Hierzegger (Pia) und Maria Bill (Herta) tut das Ihre dazu. „Manchmal ist es egal, ob man die Wahrheit sagt oder nicht” – diesem Motto entsprechend testet Glawoggers Slumming die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation aus, mit einer Geschichte, die die Realität nicht wahrer schreiben könnte. Und so ist es am Ende auch keineswegs verwunderlich, dass die ästhetisch überraschende Schlussszene des Films nichts anderes ist als ein Stück Wirklichkeit, ein Fundstück der Arbeiten zu Working Man´s Death.